5.8

MB-Kritik

Borga 2021

Drama

5.8

Christiane Paul
Jerry Kwarteng
Devrim Lingnau
Martin Stange
Henning Peker
Adjetey Anang
Helgi Schmid
Eugene Boateng
Thelma Buabeng
Sitsofe Tsikor
Lydia Forson
Fred Nii Amugi
Ibrahima Sanogo
Prince Kuhlmann
Frederick Seay
Ekow Blankson

Inhalt

Die zwei Brüder Kojo (Eugene Boateng) und Kofi (Jude Arnold Kurankyi) wachsen auf der Elektroschrott-Müllhalde Agbogbloshie in Ghanas Hauptstadt Accra auf. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie im Betrieb ihres Vaters (Adjetey Anang) mit dem Sammeln von Metallen, die sie aus westlichem Elektroschrott gewinnen. Eines Tages macht Kojo eine Begegnung mit einem Borga (Elikem Kumordzie), die sein Leben für immer verändern wird. Als sich 10 Jahre später die Chance ergibt, selber nach Deutschland zu gehen, zerreißt das Familienband und für Kojo beginnt eine vierjährige Irrfahrt über die Kontinente. In Deutschland angekommen bemerkt er schnell, dass sein Traum nur ein Mythos ist. Er wird nicht mit offenen Armen empfangen. Aber eine Rückkehr kommt nicht in Frage.

Kritik

„Wenn du alle Regeln befolgst, wirst du nie reich! Wenn du keine Regeln befolgst, wirst du umgebracht. Du musst wissen, welche Regeln man befolgt und welche nicht.“
„Woher weiß man, welche Regeln man befolgen soll und welche nicht?“
„Das kommt mit der Zeit“. 

Als Kojo noch ein kleines Kind war, gab ihm ein Borga diesen Rat. Seitdem ist Kojos einziger Wunsch, eines Tages genauso zu werden wie ein Borga, ein reicher Onkel aus dem Ausland. Darum verlässt er als Erwachsener seine Heimat, um sich in Deutschland ein schönes Leben aufzubauen, nach dem Motto: „Get rich or die tryin'“.

Mit Borga feiert York-Fabian Raabe sein Spielfilmdebüt, für das er gemeinsam mit Toks Körner das Drehbuch verfasste. Die Idee zum Film entstand, als Raabe seinen ersten Kurzfilm Zwischen Himmel und Erde drehte. Dort traf er einen Darsteller von der Elfenbeinküste, dessen Vater vor kurzem gestorben war. Raabe bot an, ihm den Flug in die Heimat zu finanzieren, doch er lehnte ab, weil sein Umfeld zu Hause viel Geld von ihm erwartete, da er im Westen lebte und jeder davon ausging, dass er reich sein musste. Von dieser Geschichte inspiriert erschuf Raabe die Figur „Kojo“.

Kojos (Eugene Boateng, Herren, Becks letzter Sommer) Leben ist erfüllt von allgegenwärtigen Streben nach Anerkennung und Zuspruch von seinem Vater (Adjetey Anang), die er nie bekam, weil der erstgeborene Sohn, sein Bruder Kofi (Jude Arnold Kurankyi) , die ganze Aufmerksamkeit erhielt. Kojo entwickelte massive Minderwertigkeitskomplexe, die mit der Reise nach Deutschland überkompensiert werden sollten. Er ist gefangen in einem Teufelskreis zwischen dem Wunsch seine Familie zufriedenzustellen, die immer mehr und mehr will und seinem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Um in Deutschland ein besseres Leben zu führen, widmet er sich zunächst der Schwarzarbeit als Schrottsammler und wird schließlich zum Drogenschmuggler.

Raabe setzte sich ein hohes Ziel, nämlich „die Erzählung einer authentischen ghanaischen Geschichte“ und dies ist ihm durchaus gelungen. Allein die Darstellung von Kojos Heimat ist beeindruckend, weil die Dreharbeiten tatsächlich in Ghana stattfanden und die Rollen mit ghanaischen Darstellern besetzt wurden, die in ghanaischen Sprachen (Twi, Ga) gesprochen haben. Allerdings hat der Film auch einige Schwächen. Teilweise wirkt die Geschichte zu konstruiert und zu gewollt. Eine natürliche Entwicklung der Geschichte mit fließenden ineinander übergehenden Wendungen gelingt nicht immer. Einerseits hinterfragt Kojos deutscher Freundin Lina ( Christiane Paul, Ostfriesenkiller, Es ist nur eine Phase, Hase) nie, wer er ist oder womit er sein Geld verdient, doch anderseits schaut sie sich plötzlich während einer gemeinsamen Reise nach Kassel wie aus heiterem Himmel seinen gefälschten Pass an.

An dieser Stelle spürt man förmlich, dass es aus dramaturgischer Sicht Zeit für einen Höhepunkt war, doch leider hatte man überhaupt keine Idee, wie man es anstellen sollte und löste es plump mit dem zufälligen Finden des Passes. Warum sie plötzlich seinen Pass gesucht und gefunden hatte, weiß keiner. Lina schien zumindest nicht auf der Suche nach irgendetwas zu sein. Die ganze Reise nach Kassel wirkt völlig überflüssig, weil niemand es für nötig hält zu erklären, warum das Pärchen überhaupt hinfährt. Man wird mit einem einzelnen Satz von Lina abgespeist: „Ich höre mir nicht alle Vorträge an“. Was für Vorträge es sein sollen, ist offenbar nicht wichtig für die Handlung, nur dass sie seinen Pass findet, um dem Film mehr Dramatik zu verleihen, denn die ganze Geschichte wirkt zu glatt und zu einseitig dargestellt. Kojo gerät trotz seiner auffällig oft unternommenen Reisen in afrikanische Länder und des gefälschten Passes nie unter Verdacht der Polizei.

Auch der Drogenschmuggel oder die Schwarzarbeit laufen problemlos über die Bühne. Statt in diesem Bereich zumindest ein paar spannende Szenen einzubauen, wird der Schwerpunkt zu sehr auf die „Black Tax“ gelegt und darauf, dass der arme Kojo nur ein Opfer der sozialen Missstände ist. Als „Black Tax“ bezeichnet man die monatliche Unterstützung, die Afrikaner mit einem Job in Europa ihrer ganzen Familie zukommen lassen müssen. Kojos Familie verspürt keinerlei Dankbarkeit, stattdessen fordert sie immer mehr und mehr Geld. Sein Bruder sieht es als Kojos Pflicht an, dass er ihnen hilft. Neid und Missgunst verhindern zunächst, dass Kojo wieder zu seiner Familie zurückfindet. Er stößt auf Ablehnung seines Bruders und Wut, weil er sich von ihm im Stich gelassen fühlt. Sein Bruder beschwert sich außerdem, dass er für alles das zehnfache bezahlen muss, seit alle wissen, dass Kojo ein Borga ist.

Der Film hat aufgrund seiner Kernaussage in gewisser Weise einen faden Beigeschmack, weil die Geschichte zu sehr darauf abzielt zu zeigen, dass es vielleicht doch besser ist nicht nach Deutschland auszuwandern. Es ist verständlich, dass Borga nicht den Anspruch hat eine „German Dream“ Geschichte zu erzählen, doch für schonungslosen Realismus, auf den die Geschichte abzielt, kratzt der Film zu sehr an der Oberfläche und bleibt hinter den Erwartungen zurück. Die Hauptfigur wird schnell in die Opfer-Rolle gedrängt, doch es findet nicht einmal eine Auseinandersetzung mit dem Dasein als Drogenkurier statt, sondern der Wendepunkt zu einem besseren Menschen resultiert nur daraus, dass er von den eigenen Leuten in Ghana aufgrund des giftigen Schrotts, den er dorthin verschickte, verletzt wird.

Erst dann dämmert es ihm, dass seine „netten Arbeitgeber“ in Deutschland gar nicht so nett sind. Dass er selbst als Drogenschmuggler die Leben von vielen Menschen zerstört, scheint für ihn nie ein Problem gewesen zu sein. Er wurde „dazu gezwungen“ es zu tun, weil er in schlechten Verhältnissen aufwuchs, keine Anerkennung bekam und für seine Familie sorgen musste. Die Schauspieler sind trotz allem authentisch in ihren Rollen und greifen alles auf, was ihnen das unausgereifte Drehbuch bietet. Das Zusammenspiel zwischen Lina und Kojo ist ausgezeichnet und auch Kojos Bruder Kofi bietet die volle Bandbreite der Emotionen von Neid bis Wut und Verzweiflung.

Leider suggeriert Borga, dass die späte Einsicht allein ausreicht, um ohne schlechtes Gewissen die Früchte seiner illegalen Machenschaften zu ernten, denn wenn man seine Familie mit materiellen Dingen beglückt, dann ist die Auseinandersetzung mit der kriminellen Vergangenheit völlig entbehrlich. Kojo ist und bleibt das Opfer der sozialen Missstände und ist als Figur leider zu eindimensional und zu klischeehaft. Zu sehr wird darauf herumgeritten, dass der Arme nur Anerkennung seines Vaters wollte und aufgrund der sozialen Missstände gar nicht anders konnte, als ein Verbrecher zu werden. Immer waren die anderen schuld, doch nie er selbst. Es ist leichter, die Verantwortung für seine Taten den anderen zuzuschieben. Genauso wie einen Film zu drehen, der darauf abzielt, die Hauptfigur nur, als Sammelsurium sämtlicher Klischees darzustellen.

Fazit

Einerseits ist "Borga" eine authentische Geschichte, die zeigen möchte, dass nicht alles Gold ist, was glänzt und, dass viele an das Auswandern nach Deutschland völlig unrealistische Erwartungen knüpfen. Anderseits bleibt die Hauptfigur in seiner Opfer-Rolle gefangen und bedient sämtliche Klischees des armen afrikanischen Mannes, der nur aufgrund der sozialen Missstände kriminell geworden ist. Der Figur fehlt jegliche Tiefe und so bleibt Kojo zu eindimensional und sein einziger Zweck besteht darin Mitleid zu erregen.

Autor: Yuliya Mieland
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