7.7

MB-Kritik

Der Totmacher 1995

Drama, Crime – Germany

7.7

Götz George
Jürgen Hentsch
Pierre Franckh
Hans-Michael Rehberg
Matthias Fuchs
Marek Harloff
Christian Honhold
Rainer Feisthorn

Inhalt

Fritz Haarmann (Götz George), der mindestens 24 junge Männer getötet hat, wird durch den Psychiater Dr. Ernst Schultze (Jürgen Hentsch) verhört, damit dieser ein psychiatrisches Gutachten über ihn erstellen kann. Während der Befragung spricht Haarmann über seine Methoden und Motive.Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit; die Dialoge wurden den Verhörprotokollen der Vernehmung Haarmanns im Jahre 1924 entnommen.

Kritik

Zunächst lässt es sich nur erahnen, welche zwei Personen in dem kargen Raum sitzen und sich unterhalten, wenn Der Totmacher beginnt. Der eine Mann stellt dem anderen anfangs noch banale Fragen, die zum Allgemeinwissen zählen. Was die Hauptstadt von Deutschland sei, was der Unterschied zwischen Wasser und Eis, was zuerst komme, Blitz oder Donner. Doch nach und nach lichtet sich der Nebel und das Szenario bekommt eine greifbare, konkrete Gestalt.

Romuald Karmakar (Manila) rekonstruiert in seinem Werk mithilfe der realen Protokolle den Prozess von Fritz Haarmann, der auch unter dem Titel "Vampir von Hannover" in die Schlagzeilen geriet. Haarmann tötete in den 20er Jahren mindestens 22 Jungs, denen er beim Geschlechtsakt die Halsschlagader durchbiss. Anschließend zerstückelte er die Leichen, versenkte Teile im Klo, während er andere Teile wie das Fett zum Braten verwendete. Eine ungeheuerliche Begebenheit, in der die tiefsten Schattenseiten des menschlichen Wesens zum Vorschein kommen. In dem Film werden die ausführlichen Sitzungen zwischen Haarmann und dem Psychiater Ernst Schultze dargestellt, in denen Schultze die Schuldfähigkeit des gestörten Täters herausarbeiten sollte. 

Der Totmacher wurde hierfür in seiner Inszenierung auf das absolut Wesentliche reduziert. Ein Raum, ein Tisch, zwei Stühle, zwei Personen. Viel mehr bekommt der Zuschauer in dem Film nicht zu sehen, als dieses beklemmende, unangenehme Kammerspiel, in dem der reale Fall nur durch Worte, Gesten und natürlich ein unentwegt befeuertes Kopfkino vor dem geistigen Auge ausgebreitet wird. Dabei lebt der Streifen ganz klar von seinen beiden Hauptdarstellern, die ihre Rollen nahezu perfekt verkörpern. Vor allem Götz George (Schtonk!) läuft zur beängstigenden Höchstform auf, wenn er Haarmann mit einer Mischung aus naivem Kleinkind, unberechenbarem Psychopathen und nachdenklichem Mysterium anlegt, zwischen erschreckenden Gefühlsausbrüchen und Eiseskälte schaltet und seine Figur dabei nie vollständig zur rational fassbaren Entschlüsselung preisgibt. 

Die größte Spannung generiert der Film aus dem Zusammenspiel von George und Jürgen Hentsch (Fette Welt), der den Psychiater spielt. Während Schultz anfangs noch komplett hinter seiner professionellen Fassade verweilt, gelingt es ihm im Verlauf der Handlung nur schwer, den objektiven Beobachter und Fragestellenden aufrecht zu erhalten. Der Totmacher sorgt aufgrund der stetigen Verschiebung von Sympathien, dem konstanten Testen von Grenzen und einem moralisch auf beiden Seiten fragwürdigen Verhältnis dafür, dass weder der seriöse Psychiater, noch der abstoßende Mörder zu klaren charakterlichen Bildern finden. 

In einigen wenigen Szenen lässt sich sogar ein mildes Lächeln auf dem Gesicht von Schultz erkennen, wenn er plötzlich vollständig in den Erzählungen von Haarmann versinkt, während er kurz vorher noch stark aus der Fassung geriet und seinem Gegenüber harsch entgegnete, dass im Himmel für ihn auf gar keinen Fall ein Platz frei wäre. Zu den schwer erträglichsten Momenten gehören außerdem die detaillierten Schilderungen der Tatvorgänge, bei denen Haarmann mit einer geradezu selbstverständlichen Sachlichkeit davon berichtet, wie er die Leichen der Kinder, die er am liebsten als "Puppenjungs" bezeichnet, fein säuberlich aufschneidet, zerstückelt und beseitigt.

Fazit

Der Totmacher ist eine spürbar anstrengende, zermürbende sowie knochentrockene Seherfahrung, wie man sie in der deutschen Filmlandschaft eher selten vorfindet. Der Regisseur rekonstruiert die wahren Ereignisse nüchtern, sachlich und nur allzu realistisch. Durch die reduzierte Machart im Kammerspiel-Gewand gelingt es ihm, die Dämonen unter der Oberfläche sichtbar werden zu lassen und den Zuschauer zum Zeuge schier unfassbarer Ereignisse zu machen, die so manch einer nach der Sichtung sicherlich sofort wieder verdrängen möchte.

Autor: Patrick Reinbott
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