6.3

MB-Kritik

Paranoia 1970

Mystery, Drama, Thriller – Italy, Spain, France

6.3

Carroll Baker
Jean Sorel
Luis Dávila
Alberto Dalbés
Anna Proclemer
Hugo Blanco
Calisto Calisti
Alfonso de la Vega

Inhalt

Helen staunt nicht schlecht, als sie nach drei Jahren Funkstille ein Telegramm von ihrem Ex-Mann Maurice erhält, der sie in sein Feriendomizil auf Mallorca einlädt. Die Neugier treibt sie an, obwohl sie damals alles andere als im Guten auseinandergingen. Dort angekommen folgt gleich die nächste Überraschung: Nicht Maurice, sondern seine neue Gattin Constance, eine steinreiche Öl-Erbin, hat sie eingeladen. Der Grund: Sie will den untreuen Maurice beseitigen und hofft dabei auf die Unterstützung von Helen.

Kritik

Als der Giallo sich Ende der 60er langsam als eigenes Sub-Genre etablierte waren dessen Mechanismen noch nicht so versteift wie zu seiner Blütezeit in den frühen 70ern. Später meistens mit einem Serienkiller-Plot versehen versuchte sich man während der erste Phase der gelben Groschen-Roman-Thriller öfter mal an anderweitigen Inhalten. Filme wie Der schöne Körper der Deborah (1968, dort wie hier mit Ex-Hollywood-Shootingstar Carroll Baker und Giallo-Beau Jean Sorel in den Hauptrollen) und Lucio Fulci’s Nackt über Leichen (1969) nahmen sich klassische Intrigen- und Suspense-Thriller zum Vorbild, anstatt sich auf Blut und Bodycount zu verlassen. Blieben in ihrer Inszenierung auch eher konservativ gehalten und lange nicht so rotzig und experimentierfreudig wie es später zum Markenzeichen des Genres wurde. Was nicht zwingend ein Negativaspekt sein muss, wenn denn anständig gemacht. Wie im Fall von Paranoia, dem ersten Giallo von dem in allen Schubladen des italienischen B-Kinos beheimateten Allrounders Umberto Lenzi (Die Gewalt bin ich), der seinem Ruf als nicht außergewöhnlicher, dafür grundsolider, verlässlicher Handwerker wieder mal gerecht wird.

Zu schmieriger Easy-Listening-Fahrstuhlmusik wird vor der sonnigen Kulisse Mallorcas eine Variation von Henri-Georges Clouzot’s düsterem Meisterwerk Die Teuflischen von 1955 aufgeführt, zumindest in der ersten Hälfte. Wie dort verbünden sich zwei Frauen, die vom gleichen Mann ausgenutzt, gedemütigt und wie Abfall behandelt werden bzw. wurden. Seine Ex, die taffe Rennfahrerin Helen (Carroll Baker) und seine jetzige Gemahlin Constance, die vom selbstgerechten Playboy Maurice (Jean Sorel) nur zur Frau genommen wurde, da ihr Vermögen seinen ausschweifenden Lebensstandard finanziert. Daraus macht der misogyne Schweinehund auch keinen Hehl, wie er auch völlig selbstverständlich die nach drei Jahren wieder aufgetauchte Helen vor den Augen von Constance schamlos angräbt, denn wenn ihm irgendwas egal ist, dann die Gefühle „seiner“ zu reinen Bums-Stücken oder Sparschweinen degradierten Weiber. Wutschnaubend heuert Constance ihre Vorgängerin Helen an, mit ihr gemeinsam den Dreckskerl endlich seine gerechte Strafe zukommen zu lassen, in Form eines „tragischen Unfalls“ während eines Segelturns. Der schöne Plan hat leider nur einen Haken: Helen verfällt erneut dem Mann, den sie selbst vor drei Jahren schon umlegen wollte.

An diesem Punkt löst sich Paranoia von der unübersehbaren Vorlage von Die Teuflischen und entwickelt dankenswerter Weise seine ganz eigene, reizvolle Geschichte um eine eigentlich von ihrer Vergangenheit und unterwürfigen Abhängigkeit von einem Arschloch-Typen aller erste Kajüte geheilten, anfangs betont stark und unabhängig dargestellten Frau (Beruf: Rennfahrerin), die schon nach kurzer Zeit wieder dem aalglatt-ekeligen Anti-Charme ihres Verflossenen verfällt. Vom Cockpit zurück an den Bettpfosten, so schnell ist die Emanzipation wieder ins Unterhöschen ejakuliert. Ganz so grobschlächtig (und frauenfeindlich) wird das natürlich nicht dargestellt, dennoch ist der flotte Wandel und die Labilität der Hauptfigur nicht unbedingt ein Juhu auf starke Frauenfiguren. Resultiert dafür in einer interessanten Thriller-Konstellation, die mit einem ungeplanten Todesfall und dem Auftauchen einer (womöglich?) nicht kalkulierten Teilnehmerin im Frauchen-Wechsel-dich-Spiel ordentlich Würze erhält.

Am Ende wirkt der Plot sicher etwas überkonstruiert (Giallo halt) und niemals erreicht das Ganze die Klasse und Raffinesse der heimlichen Idole, hantiert aber mit einigen gut gemachten Wendungen und Entwicklungen, die das Geschehen jederzeit beweglich, dynamisch gestalten, ohne dabei in Hektik zu münden. Im Ansatz ein ambitionierter Thriller, der höchstens an eben diesem hohen Selbstverständnis scheitern mag. Wenn man den Fehler begeht, ihn da ganz oben einstufen zu wollen. So eine relativ runde Sache, die im (Sub-)Genre angenehm aus dem Rahmen fällt.

Fazit

Unterhaltsam, giftig und trotz seines geringen Figurenschwindens konstant wie kontinuierlich steigend-spannend ist „Paranoia“ geworden. Im Vergleich mit anderen Früh-Gialli eindeutig einer der besseren Kandidaten, der somit nicht nur für Fans der „typischen“ Schlitzer-Filme geeignet ist. Gute B-Thriller Kost, die sich tüchtig bei großen Vorbildern bedient, aber auch die notwendige Eigenleistung nicht vergisst. Das eben diese dann nicht ganz das angepeilte Niveau erreicht, kann objektiv und mit gesundem Menschenverstand durchaus verschmerzt werden. Dafür schon sehr ordentlich.

Autor: Jacko Kunze
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