7.0

MB-Kritik

Honeygiver Among the Dogs 2016

Mystery

7.0

Inhalt

Unwahrscheinlich schön sei sie und eine echte Dämonin. Was der Polizist Kinley über das Objekt seiner Ermittlungen, die mysteriöse Choden, hört, macht ihn neugierig. Von seinem Chef ist er in den bhutanischen Distrikt Bumthang geschickt worden, um das Verschwinden einer religiösen Führerin zu untersuchen. In den Augen der engstirnigen Einheimischen ist die zugezogene Choden längst als Hauptverdächtige identifiziert. Kinley, mit Handy und stoischer Ungläubigkeit gegen den spirituellen Zirkus seiner Umgebung gewappnet, begegnet ihr in einem Bus. Doch nicht er, der bemüht sachliche Undercover-Ermittler, nähert sich der Frau: Sie spricht ihn an und bringt ihn mit ihren Gleichnissen von Göttinnen und Tieren völlig aus dem Konzept.


Kritik

Der erste komplett in Bhutan gedrehte Filmbeitrag der Berlinale ist zugleich hypnotisch und herausfordernd in seiner meditativen Verschmelzung widersprüchlicher Stilmittel. Das Kinodebüt Dechen Roders beruft sich neben den mystischer Tradition ihrer Heimat auf den klassischen Krimi-Kanon und entzaubert raffiniert den Mystizismus, den es evoziert. Auf den ersten Blick scheint die Umgebung neuzeitlich, wenn auch ursprünglicher als die verwestlichten Schauplätze Asiens. Doch darunter glimmt uraltes Sagengut von exotischen Göttinnen und Dämonen. An ein solches Wesen erinnert die rätselhafte Unbekannte, nach der Detective Kinley (Jamyang Jamtsho Wangchuk) sucht. 

In einem Neo-Noir wäre der geschiedene Polizist der abgebrühte Cop und die von abergläubischen Einwohnern als Zauberin beschriebene Choden (Sonam Tashi Choden) die Femme fatale. „Wir könnten uns nie wiedertreffen“, raunt sie vielsagend bei ihrer ersten Begegnung in einer Raststätte. Von dort reisen sie nach Thimphu, auf Chodens Bitte gemeinsam. Die Polizei suche nicht nach einem Pärchen, sondern nach einer einzelnen Frau, verrät sie ihrem Begleiter, der über den Fall längst Bescheid weiß. Eine Äbtissin ist verschwunden, wo möglich ermordet. Die mysteriöse Außenseiterin an seiner Seite ist die Hauptverdächtige. 

Klassische Krimi-Bausteine sind Spielzeug in den Händen der Regisseurin, die daraus einen verschlungenen Mystery-Thriller webt. Während Kinleys Undercover-Einsatz in einer ländlichen Gegend voller neugieriger Blicke eine Farce ist, gewinnen die Legenden halluzinative Materialität. Je tiefer sie in den Bergwald des Himalaya vordringen, desto realer werden Chodens Märchen. „Mich interessieren diese Geschichten nicht. Die Wirklichkeit ist interessanter für mich“, behauptet Kinley, den die gespenstische Aura der Umgebung längst in ihrem Bann hält. Wiederkehrende Albträume enthüllen ihm Todesszenarien, deren spirituelle Symbolik sich erst mit den Motiven des Verbrechens enthüllt. Der Weg dorthin ist für Protagonisten und Zuschauer mitunter beschwerlich, doch voll fesselnder Eindrücke.

Fazit

Regisseurin Dechen Roder inszeniert eine bestrickende Parabel auf den ideellen Verfall einer verklärten Nation und die ernüchternde Realität hinter hartnäckigen modernen Mythen. Der verschachtelte Plot besticht trotz seiner zehrender Länge durch den innovativen Umgang mit modernen Mythen, des westlichen Kulturkreises und des lokalen: im Auge der Kamera gewiss keine Gesellschaft, die arm, aber glücklich ist.

Autor: Lida Bach
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