5.8

MB-Kritik

Helen 2009

Drama – USA, UK, Germany, Canada

5.8

Ashley Judd
Goran Visnjic
Lauren Lee Smith
Alexia Fast
Alberta Watson
Leah Cairns
David Hewlett
David Nykl
Chelah Horsdal
Ali Liebert
Conrad Coates
Alex Stevens
Rob Heschl
Robin Nielsen
Adrian Hough
Julia Keilty

Inhalt

Als Musikprofessorin ist sie erfolgreich, als Familienmensch aber nur vermeintlich glücklich: Helen (Ashley Judd) kann sich nicht beklagen, weder über ihre Ehe mit David (Goran Visnjic), noch über ihr inniges Verhältnis zur jungen Tochter. Doch die von Studenten und Kollegen Geschätzte gerät in eine schwere Depression. Weil sie ihre psychischen Probleme selbst vor dem Ehemann geheim hält, steht sie mit der Belastung allein da. Nur eine Studentin kann helfen.Das englischsprachige Debüt von Sandra Nettelbeck (ihr "Bella Martha" kam unlängst zu Remake-Ehren in Hollywood) konzentriert sich in seiner Liebesgeschichte auf eine depressive Frau und kann dabei auf die versierte Charakterdarstellerin Ashley Judd ("Doppelmord") bauen.

Kritik

Helen (Ashley Judd) fühlt sich benommen und leer, ist nervös und unkonzentriert. Einen Grund für ihre veränderten Gefühle scheint es im Leben der verheirateten Musikprofessorin und Mutter nicht zu geben. Doch die Trauer ist da und sie geht nicht mehr weg. Helen ist depressiv. Nicht so, wie man es im Alltag daher sagt, sondern in Form eines ernsthaften psychischen Leidens. Regisseurin Sandra Nettelbeck gibt vor, diesen Zustand schildern zu wollen. Doch sie ist unfähig oder unwillig sich auf ihre Protagonistin einzulassen. Ihre kühle Studie verharrt in klinischer Distanz. Nicht mit der Titelfigur soll man sich identifizieren, sondern mit ihrem Umfeld, repräsentiert durch Ehemann David (Goran Visnjic). Er setzt seine Frau unter Druck und drängt sie zur Therapie. Nur ihre junge Mitpatientin Mathilda (Lauren Lee Smith) zeigt Verständnis für Helen. Als ihre depressiven Schübe unerträglich werden, flüchtete Helen zu Mathilda. Ein richtiger Schritt, könnte man meinen, denn ihr heimisches Glück ist nur eine bürgerliche Illusion. 

Mathilda, mit der sie Freundschaft knüpft, erscheint als Helens dunkles Spiegelbild. Gleich einem bösen Vorzeichen kündigt Mathildas Auftauchen eine Verschlimmerung von Helens Depression an. Doch gerade durch die Trauerschübe gelingt Helen der Ausbruch aus dem erstickenden Rollenschema der berufstätigen Mutter und glücklichen Ehefrau. Dieser Ausbruch wird von David als Bedrohung empfunden. Durch ihr Verhalten fühlt er sich vor dem gemeinsamen Umfeld bloßgestellt. Indem er Helens Weigerung, weiterhin ausschließlich den Forderungen anderer zu entsprechen als krankhaft einordnet, kann er hinter der Maske des Helfers sein Gesicht wahren. Die Empfindungen Helens sind ihm dabei gleichgültig und das lässt er sie wissen. Die Betroffene soll nicht Besserung erfahren, sie soll gefälligst wieder funktionieren. Diese inhumane und unrealistische Forderung teilt die Regisseurin irritierenderweise. Depression ist bei ihr eine Diagnose, kein emotional relevanter Zustand. Sie sei nicht traurig, sagt ein Arzt über Helen. Die Trauer wird zum reinen Symptom reduziert, das nicht den Status eines echten Gefühls hat. 

Mit solchem Scheinwissen werden populäre Irrtümer über psychische Leiden bestätigt, statt aufgedeckt. Das Drama behauptet, es gäbe eine Pflicht zu dem Befinden, das die Gesellschaft als gesund definiert. Wer dieser Pflicht nicht nachkommt, mache sich schuldig. Wie in „Girl, Interrupted“ und „The Snake Pit“, die sich ebenfalls mit dem Thema unangepasster Frauen und Psychiatrie beschäftigten, wird medizinische Behandlung mit Heilung gleichgesetzt. Tatsächlich gibt es keine anerkannte Therapie gegen psychische Leiden und Studien legen nahe, dass medikamentöse Behandlungen den Zustand der Betroffenen nachhaltig verschlechtern. Im Kino sind diese Fakten nicht angekommen. Hier sind bunte Pillen und Sitzungen beim Psychiater der Königsweg zur Normalität. Was immer das sein mag. Dank der Elektrokrampftherapie erwacht Helen in gleißend weißen Krankenhausräumen wie neu geboren. Sie ist auf die andere Seite gewechselt. Zu den Gesunden, denen, die von außen herablassend auf die Kranken blicken können – so wie es der Film tut.

Fazit

Einzig das intensive Spiel Ashley Judds weckt Anteilnahme für die Titelfigur. Das regulatorische Drama stellt den Mut, eigenständig Depressionen zu bewältigen, als verantwortungslos dar und impliziert mittels Pseudowissenschaft und schlichtweg unsinniger Annahmen, das Gesundung allein eine Frage des institutionellen Korrektivs wäre.

Autor: Lida Bach
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