7.8

MB-Kritik

Lebe deine Träume - Laiv Sapane 2015

Drama, Family

7.8

Ratna Pathak Shah

Inhalt

Die 14-jährige Appu hat keine Lust, in die Schule zu gehen. Lernen findet sie überflüssig, denn eines ist sowieso schon klar: Sie wird Dienstmädchen wie ihre Mutter. Ihre Mutter Chanda hat kein leichtes Leben und arbeitet hart, um das Schulgeld zu bezahlen. Als die Prüfungen kurz bevor stehen, steht die Entscheidung an, ob Appu auf das College geht. Denn Chanda hat große Träume für ihre Tochter. Um sie zu motivieren, sich endlich richtig anzustrengen, hat Chanda einen verrückten Plan: Sie schreibt sich selbst als Schülerin in Appus Klasse ein. Wie peinlich! Die eigene Mutter als Klassenkameradin? Chandas Plan geht auf und beide schließen eine Wette ab. Sollte Appu bei ihrem nächsten Mathe-Test besser abschneiden als ihre Mutter, wird Chanda sofort die Schule wieder verlassen...

Kritik

Im Jahre 2015 waren in Indien rund 37 Prozent aller Frauen (und 19 Prozent aller Männer) Analphabeten. Dies ist durchaus ein Grund zu Freude, denn noch in den 90er Jahren lag der Wert bei Frauen bei ungefähr 60 Prozent. Kurzum: Indien hat mit seiner Bildungsoffensive in den letzten Jahrzehnten viel getan und vor allem Frauen konnten davon profitieren. Mit dem Kennwort „Besser später als nie“ ging es somit im Kampf gegen Unterdrückung und Armut voran. Und dennoch: Wer in viele Teile von Indien schaut, wird immer noch eine große Kluft zwischen Armut und Reichtum entdecken, zwischen Chancen und gebrochenen Leben, zwischen Träumen und Hoffnung. Genau in dieses Feld stößt indes die Filmemacherin und Autorin Ashwiny Iyer Tiwari mit ihrem 2015 produzierten Familiendrama Lebe deine Träume - Laiv Sapane (OT: Nil Battey Sannata, so viel wie „Gut für gar nichts“) vor und erschafft dabei eine herzzerreißenden Geschichte, die besonders von dem Konflikt zwischen Mutter (Swara Bhaskar, Raanjhanaa) und Tochter (Riya Shukla) lebt. Denn wo die eine keine Träume mehr hat, versucht die andere alles Menschenmögliche für ihre Tochter zu erreichen. Ein bitterer Kampf gegen ein System, welches nur den Weg nach vorne kennt.

Lebe deine Träume ist dabei zwar in erster Linie ein Feel-Good-Movie geworden, besitzt mit seiner eigenen Dynamik und seinem politischen Gespür aber eine viel größere Brisanz: Bereits zu Beginn, wenn Chanda Sahay (fantastisch von Swara Bhaskar gespielt) zwischen ihren drei Jobs noch ihrer Tochter des Essen zubereitet und über die Zukunft nachdenkt, wird ihr klar, dass gegen die Verhältnisse kaum zu gewinnen ist. Und spätestens wenn die private Nachhilfe versagt, weil sie keine schlechten Schüler wollen (dies bringt nur wenig Geld), ist es wie ein Schlag ins Gesicht der aufopferungsvollen Mutter sowie der Zuschauer. Doch da beginnt Ashwiny Iyer Tiwari erst: Denn nach und nach versucht sich die Mutter von ihren Ketten zu befreien – begünstigt von ihrer gut betuchten Freundin und Arbeitgeberin – und will ihrer Tochter ein Vorbild sein. Denn diese hat wenig Interesse daran die Schule weiter zu machen oder gar für Mathe zu lernen. Wo das Leben wenig bietet, sind die Träume eben kleiner. Mehr noch: Die Mutter arbeitet als Haushälterin, was schlussendlich auch der Wunsch von Apeksha Sahay ist. Hier lässt sich natürlich Lebe deine Träume vorwerfen, zu plakativ zu arbeiten und den Mensch im Bildungssystem als Ware zu deklarieren. Nur wer eifrig ist und lernt, wird ein produktives Mitglied der Gesellschaft. Allerdings zerreißt Ashwiny Iyer Tiwari dieses Konzept regelrecht in der Luft.

Denn wenn beide in der selben Klasse zur Schule gehen, sich gleichsam durch diverse Mathe-Aufgaben schlagen, entsteht eine Form von Konkurrenz, die gerade für Apeksha Sahay zu kurz gedacht ist und zu einem dramatischen Konflikt führt. Was folgt ist eine Dramatik, die einen Höhepunkt erreicht, der nicht nur zu Tränen rührt, sondern auch regelrecht wütend macht. Wütend auf eine Welt, in der Bildung zum Privileg wird, in der der Kampf gegen Armut nur gemeinsam möglich ist und der Mutter sowie Tochter nicht ein liebevolles Leben führen können, sondern jeden Tag gegen einen regelrechten Sturm erobern müssen (auch gegeneinander). Genau hier entwickelt Lebe deine Träume seine größte Stärke: Für wen wird gelernt? Wie sehen Träume aus? Was soll im Leben erreicht werden? Und da hier Frauen im Fokus stehen, ist der Film mit seiner deutlichen Botschaft ein starkes Statement für die eigene Partizipation. Wissen für sich selbst, für andere, für alle! Dies zusammen mit den manchmal etwas lockeren Sprüchen, einer gewissen Situationskomik, verschrobenen Charakteren und einem emotionalen Finale, ergibt ein Film für die ganze Familie. Wirklich außergewöhnlich, stark und herzerwärmend. Eben eine Ode an die Möglichkeiten, trotz aller Widrigkeiten. Soweit es eben möglich ist.

Fazit

"Lebe deine Träume - Laiv Sapane" hat das Prädikat Besonders Wertvoll wahrlich verdient: Ein Film nicht nur mit einer wichtigen Botschaft, sondern auch starken Charakteren, einer lockeren wie humorvollen Inszenierung, einer tollen Dynamik und einem imposanten wie gefühlvollen Finale, welches noch lange nachwirkt. Hier geht es nicht nur um Bildung und Wissen. Es geht um Träume und Hoffnung. Einer tiefgreifenden Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Und eben einen Weg aus der Armut, hin zu einem selbstbestimmten Leben. „Wer Arm ist hat keine Träume“ sagt Apeksha Sahay schließlich, nur um dann festzustellen, dass auch andere für sie mitträumen können. Ein toller Film.

Autor: Thomas Repenning
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