6.5

MB-Kritik

Haus der tödlichen Sünden 1972

Mystery, Thriller

6.5

Farley Granger
Barbara Bouchet
Rosalba Neri
Nino Segurini
Dino Mele
Umberto Raho
Patrizia Viotti
Petar Martinovitch
Bruno Alias

Inhalt

Greta heuert als Privatsekretärin beim berühmten Schriftsteller Richard Stuart an. Dieser lebt mit der verführerischen Eleonora abgeschottet in seiner Villa außerhalb von Venedig. Doch Greta hat den Job nicht zufällig angenommen: Ihre Vorgängerin, die eines Tages urplötzlich verschwand, ist ihre beste Freundin Sally. Greta will herausfinden, was ihr zugestoßen ist und begibt sich dabei selbst in höchste Gefahr.

Kritik

Venedig, immer eine Reise wert. Ein paradiesischer Ort, was zunächst auch Silvio Amadio’s Giallo Haus der tödlichen Sünden (Alla Ricerca del Piacere, international auch als Amuck vertrieben) so unterstellt. Der Vorspann zeigt unsere Protagonistin – die hübsche Greta (Barbara Bouchet, Don’t Torture a Duckling) – auf einem Motorboot unter der prallen Sonne Italiens über das himmelblaue Wasser der Lagune brausen, unterlegt von Teo Usuelli’s betont harmonischen Klängen. Schlagartig ändert sich die Stimmung, sobald sie ihren Bestimmungsort erreicht hat, die abgelegen Villa des Schriftstellers Richard Frank (Hitchcock-Darsteller Farley Granger, u.a. Cocktail für eine Leiche oder Der Fremde im Zug), wo sie den Job als dessen neue Privatsekretärin inne hat. Mit dem Betreten des Grundstücks scheint sich eine dezente Form von Bedrohung einzustellen, die sich auch durch die freundliche, dennoch irgendwie distanzierte, sogar leicht belauernde Begrüßung durch Eleonora (Rosalba Neri; Das Auge des Bösen), der Dame des Hauses, nicht ändert. Der Ton im Wilde-Ehe-Haushalt (verheiratet sind sie nicht und auch sonst wird die Beziehung der beiden nie direkt mit irgendwas betitelt) ist freundlich, aber nicht unbedingt herzlich. Merkwürdig, ohne unbedingt dahinter etwas Böses vermuten zu müssen. Aber das macht Greta so oder so, denn eigentlich will sie herausfinden, was mit ihrer Freundin Sally geschehen ist, die vor ihr die Stelle bekleidete und dann plötzlich Hals über Kopf „abreisen“ musste, ohne danach ein Lebenszeichen von sich zu geben.

Natürlich will Greta nicht mit ihrem eigentlichen Anliegen wie mit der Tür ins Haus fallen, gibt zunächst einfach die neue Edel-Tippse, die lediglich einem Kommissar reinen Wein einschenkt, der ebenfalls Sally’s Verschwinden untersucht, ohne bisher aber konkrete Anhaltspunkte auf ein Verbrechen zu besitzen. Richard & Eleonora scheinen sehr bedacht darauf, kein unnötiges Wort über ihre ehemalige Angestellte zu verlieren, was Greta’s Verdacht auf sie nur erhärtet. Zudem sind die Hausherren in ihrem Verhalten – zumindest was klassische Wertevorstellungen betrifft – alles andere als seriös. Anders gesagt: Sie leben ihre Sexualität, die sich nicht exklusiv auf treue Zweisamkeit beschränkt, sehr offensiv aus. Laden gerne gute Freunde zum gemeinsamen Fummeln und Begatten ein und selbstverständlich ist auch die attraktive Greta nicht unerwünscht bei den intimen Abendgesellschaften. Etwas Ähnliches formulierte auch Sally bei ihrem letzten Brief an Greta, was diese anspornt, sich auf diese Spielchen einzulassen. Zusehends verliert sie dabei das kleine Bisschen  Kontrolle, was sie wenigstens glaubte zu haben, vor allem da Richard sie scheinbar längst durchschaut hat und sie mit kleinen Informationsfetzen anfüttert, was das mögliche Schicksal von Sally betrifft.

Alla Ricerca del Piacere ist keiner der am häufigsten gezeigten Serien-Killer-Gialli, verfolgt dennoch das Whodunit-Prinzip, wobei es sich hier ausschließlich auf ein in der Vergangenheit stattgefundenes (vermeidliches) Verbrechen bezieht. Die Frage nach den Tätern scheint der Film dabei selbst früh zu beantworten, zumindest ist es mehr als offenkundig, dass das dekadente, leicht perverse Pärchen mehr weiß, als es vorgibt. Und sich einen perfiden Spaß daraus macht, die Protagonistin wie ein Lust-Spiel-Bällchen zu manipulieren, zu irritieren und Stück für Stück psychisch zu zermürben. Oder etwa doch nicht? Ist es alles nur eine Anhäufung großer, fehlinterpretierter Missverständnisse und/oder eine schleichende Paranoia unserer Heldin? Silvio Amadio ist (gerne auch zu) geduldig bei seinem nicht auf inszenatorische und narrative Zwischenhochs setzenden Erotik-Giallo, spinnt sich seinen Plot langsam zurecht, verlässt sich sehr auf die durchaus vorhandene Schönheit seines Films. Hübsch gefilmt, aber besonders ansehnlich besetzt. Darstellerisch in erster Linie durch Farley Granger, der bis zuletzt nicht zu lesen ist, was für die Geschichte essentiell wichtig ist. Rein optisch werden die gerne freizügigen Barbara Bouchet und Rosalba Neri ohne falsche Scham mehrfach ins rechte Nackedei-Licht gerückt, was ästhetisch durchaus nicht zu verachten ist, inhaltlich freilich nicht von so entscheidender Bedeutung ist, als das man es in ergiebiger Slow-Motion zelebrieren müsste. Giallo halt, gibt Schlimmeres.

Der Film könnte zwischendurch gut und gerne mehr Fahrt vertragen, gerade da er massiv auf seine Auflösung hinarbeitet und dadurch zwischendurch gewisse Highlights vermissen lässt (die nicht mit nackten Brüsten zu tun haben). Die ist dafür gar nicht so schlecht und ordentlich ausgearbeitet, was nicht auf jeden Giallo zutrifft, um es mal vorsichtig zu formulieren. Das in Kombination mit der ansprechenden Präsentation lässt über so manche, leichte Durchhänger wohlwollend hinwegsehen. Am Ende ist es kein wirklich besonderer, aber schon relativ sehenswerter Genre-Vertreter.

Fazit

Hübsche Frauen, ein zwielichtiger Farley Granger – immer zwischen nettem Onkel und potenziellem, psychopathischem Triebtäter – und ein letztlich ordentlich funktionierender Whodunnit-Plot werden ansprechend auf dem Giallo-Tablett angerichtet. Auch ohne großen Bodycount und Kunstbluteinsatz eine recht runde Sache, die lediglich mit dem erzählerischen Tempo zu kämpfen hat.

Autor: Jacko Kunze
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