6.0

MB-Kritik

Nell 1994

Drama – USA

6.0

Jodie Foster
Liam Neeson
Natasha Richardson
Richard Libertini
Nick Searcy
Robin Mullins
Jeremy Davies
O'Neal Compton
Heather M. Bomba
Marianne E. Bomba
Sean Bridgers
Joe Inscoe
Stephanie Dawn Wood
Mary Lynn Riner
Lucile McIntyre
Al Wiggins

Inhalt

Mit der Geschichte einer jungen Frau, die unberührt von der modernen Gesellschaft lebt, nimmt Jodie Foster die Zuschauer mit auf eine Reise durch Seele, Geist und Herz. Dieser kluge Film erzielt seine Ausstrahlung nicht allein dank der außergewöhnlichen Darstellungskunst der Schauspieler, sondern auch durch eine atemberaubende Kameraführung. All das macht Nell zu einem gefühlvollen Film, der lange im Gedächtnis bleibt. Mit ihrer Mutter führt Nell ein einfaches, ursprüngliches Leben in der unberührten Wildnis der Smoky Mountains. Doch als die Mutter stirbt, greifen zwei Ärzte aus der Stadt in ihr friedliches Leben ein. Plötzlich wird Nell mit einer völlig fremden Außenwelt konfrontiert, einer Welt, die außergewöhnliche Erfahrungen für sie bereit hält – aber auch Gefahren jenseits ihrer Vorstellungskraft.

Kritik

Weit über 80 Jahre sind inzwischen verstrichen, seitdem man in offiziellen Berichten darüber lesen konnte, dass der Kontakt zu einem Menschen hergestellt wurde, der alleinig in der Wildnis aufgewachsen ist. Die Faszination, die von einer solchen Person ausgeht, die sich vollkommen isoliert von der modernen Welt entwickeln konnte, liegt natürlich auf der Hand. Jodie Foster (Die Fremde in Dir), die in Nell einen solchen Menschen in der Hauptrolle verkörpert, verwies zielgenau auf die existentielle Reinheit, die ein solcher mit sich bringen muss. Fernab von Technik, Massenandrang und Kolossbauten verbrachte die titelgebende Hauptfigur dieses Filmes ihren Lebensalltag seit jeher in einer kleinen Hütte mitten im Wald. Ihre einzige Bezugsperson war in den letzten Jahren ihre nach mehreren Schlaganfällen halbseitig gelähmte Mutter, nachdem ihre Zwillingsschwester bereits frühzeitig tragisch den Tod gefunden hat.

Natürlich auch durch die soziale Abgeschiedenheit, aber gleichwohl durch die körperliche Beeinträchtigung der Mutter, kreierten Nell und ihre Schwester eine Phantasiesprache (Nellisch), die die ätherische Erscheinung dieser Figur quasi grundiert und ausschlaggebend macht. Michael Apted (James Bond 007 – Die Welt ist nicht genug) adaptiert hier das Theaterstück Idiglossia von Mark Handley und fokussiert sich auf den Konflikt, den die Zivilisation mit der Natur schon immer geführt hat und auch immer führen wird. Der Mediziner Dr. Jerome Lovell (Liam Neeson, Schindlers Liste) wird in Nell zur Identifikationsperson für die Zuschauerschauft, ist er es doch, der sich der jungen Frau nach dem Tod ihrer Mutter annimmt und mit einer aufopferungsvollen Bereitschaft den Willen verfolgt, sie zu verstehen und ihr im nächsten Schritt zu helfen, in der Gesellschaft als vollwertiges Mitglied Fuß zu fassen.

Aus anthropologischer, linguistischer wie auch psychologischer Sicht erweist sich Nell natürlich als äußerst interessantes Anschauungsobjekt, weil sie die Frage aufwirft, inwiefern ein Mensch sich entfalten kann, wenn er nur auf sich allein gestellt ist. Michael Apted aber verfolgt keinen wissenschaftlichen Ansatz, wenn er den von Jodie Foster eindrücklich gespielten Charakter beobachtet, sondern gibt sich ganz und gar der klischierten Romantik hin, die die Unschuld von Nell in jeder Szene ausstrahlt. Und genau an diesem Punkt vergeudet der Film Unmengen seines kritischen Potenzials, denn anhand von Dr. Lovell, der Nell ebenfalls soweit verklärt, dass er für sie ein beinahe rücksichtsloses Verständnis in jedweder Hinsicht aufbringt, hätte Apted packende Brüche sowohl in der Wahrnehmung des Kindes der Wildnis als auch ihrem unabdinglichen Unterstützer finden können.

Nell aber ist harmonieheischende Naturmystik, die nicht in die Untiefen des menschlichen Wesens eintaucht und sich auch strikt dagegen wehrt, egoistische Motive im Auftritt von Dr. Lovell zu finden (und noch weniger Nell eine geistige Krankheit zu attestieren). Würde sich Jodie Foster nicht derart ins schauspielerische Zeug legen und den Begriff der Körpersprache bisweilen auf ein neues Level hieven, müsste man sich von Nell dann doch ein wenig verärgert abwenden. Foster, die für ihre Performances selbstredend für einen Oscar nominiert wurde, aber gelingt es mit Bravour, das feingliedrige Portrait eines Menschen anzulegen, der die Welt nicht intellektuell erfährt, sondern sinnlich begreift. Es gibt keinen Verstand, sondern nur Emotionen. Und sicherlich gibt diese einzigartige Möglichkeit, auf Mutter Erde zu wandeln, auch einige weise Impulse von sich. Das Drumherum allerdings ist zu eindimensional und verzuckert.

Fazit

Sehr gut gespielter, inhaltlich aber dann doch zu zaghafter (Natur-)Kitsch. Die Gedankengänge, die "Nell" besitzt, hätten ein großes, kritisches und gewichtiges Kino zutage fördern können, der Film aber interessiert sich zuvorderst für Harmonie und Romantik. Handwerklich gelungen und durchaus stimmungsvoll, ja, aber dennoch zu simpel gestrickt.

Autor: Pascal Reis
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