7.0

MB-Kritik

Anselm - Das Rauschen der Zeit 2023

Documentary

7.0

Anselm Kiefer
Daniel Kiefer
Anton Wenders
Ingeborg Bachmann
Joseph Beuys
Paul Celan
Martin Heidegger

Inhalt

In Anselm zeichnet Wim Wenders das Porträt eines der innovativsten und bedeutendsten bildenden Künstler unserer Zeit: Anselm Kiefer. Gedreht in 3D und in einer Auflösung von 6K erlaubt der Film seinem Publikum eine filmische Reise durch das Werk eines Künstlers, dessen Kunst die menschliche Existenz und die zyklische Natur der Geschichte erforscht, inspiriert von Literatur und Poesie, Geschichte, Philosophie, Wissenschaft, Mythologie und Religion.

Kritik

Es beginnt mit Flüsterstimmen. Atonale auditive Impressionen, die fragmentarisch erste Details freigeben. Die Kamera schwebt durch Kunstbiotope, in denen Werke präsentiert. Kleider, die mit Stacheldraht und anderen Elementen kombiniert wurden. Die Leichtigkeit von Stoff trifft auf die Brachialität von Eisen. Wenn der Film endet, mag man eine Idee, eine Ahnung haben, was dies und all die anderen Kunstwerk, die hier präsentiert wurden, zu bedeuten haben. Es gibt keine Universalantwort. Es gibt Richtungsvorschläge vom sporadisch auftauchenden Narrativ des Films, welches sich mit der Vergangenheit von Kiefer auseinandersetzt. Geboren 1945, früh gefeiert und ausgezeichnet, von Joseph Beuys mit dem Titel Meisterschüler geadelt, in der deutschen Heimat verschmäht und als Provokateur abgetan, im Ausland als einer der bedeutsamsten Künstler seiner Zeit gefeiert. Eine lange sowie große Karriere.

Groß. Welch passendes Adjektiv für Kiefers Kunst. Wo dieses Jahr Künstler wie etwa Oskar Kokoschka im Spielfilm Alma & Oskar in engen Kammern mit knappem Raum auf mickrige Staffeleien pinselten, schmiert Kiefer mit Trog und Kelle faustdick Farbe auf eine Leinwand, die so enorm ist, wie eine Hauswand. Regisseur (Buena Vista Social Club) hat das mit seiner Kamera eingefangen. Diese zeigt ausgerissene Böden,  die Installationen aus Erde und Beton freigeben. Und während die Angestellten von Anselm Kiefer um ihn herum wuseln, fackelt er mit einem Flammenwerfer in seinem gigantesken Atelier, mit Alkohol bespritzte Kunstwerke ab, um diesen den letzten, feurigen Schliff zu verpassen. Es sind genau diese Momente, die den Film so faszinierend machen. Einfach dieses hineinfallen lassen in den Prozess. Zu sehen, wie er mit seiner durchtrainierten Kreativität Objekte entstehen lässt. Objekte, die so andersartig und dennoch anziehend wirken.

Von solchen Sequenzen hätte es gerne mehr geben sollen. Im Kontrast dazu verblassen die Phasen von Anselm - Das Rauschen der Zeit, in denen Wenders fast schon pflichtschuldig dem Warum und Wieso nachgeht. Dann wirkt der Film zu didaktisch und normativ. Das Schwebende und Machtvolle der Kunst wird eingetauscht gegen das Sinkende und Fragile der Erklärung (oder zumindest des Versuchs). Die Erwartung einer Darlegung der Werke, manchmal thront sie über dem Titel und bedauerlicherweise gibt Wenders diesem Druck auch zu oft nach. Trotzdem bleibt es ein Ereignis. Zumindest für ein spezielles Publikum. Fans von Anselm Kiefer, sollten einen Blick wagen und wer sich auch von Wenders' Pina begeistern ließ, dürfte ebenfalls auf Kosten kommen.

Genau wie beim (polemisch ausgedrückt) abgefilmten Tanztheater, vertraut der deutsche Regisseur, dessen Perfect Days für Japan ins Oscar-Rennen 2024 geht, auf moderne Technik. Anselm - Das Rauschen der Zeit wird in 3D und 6K gezeigt. Gewiss, die Bilder sind knackscharf und die Dreidimensionalität sorgt auch durchaus dafür, dass man sich teilweise fühlt, als wäre man selbst ein Teil des Raumes. Als wirklich dringend notwendig erweisen sich diese technischen Protzereien aber nicht. Dennoch, wer sich für den Titel interessiert und die Möglichkeit hat, ihn auf einer großen Leinwand in bester Qualität zu sehen, der oder sie sollte es wahrnehmen. Kino kann vieles sein. Das Erforschen und Entdecken von Welten und Figuren inner- und außerhalb unserer Lebensrealität gehört dazu, genau wie das, was uns Wim Wenders hier bietet: Ein Abtauchen in eine Kunst, so gigantisch und eigen, dass man dafür die Leinwand hätte erfinden müssen. Kaum zu glauben, dass das mit einem Flüstern beginnt.

Fazit

Immer dann, wenn Wim Wenders nicht erklären will, sondern einfach die Größe und Einzigartigkeit der präsentierten Kunst für sich alleine stehen lässt, besitzt der Titel eine unglaubliche Kraft und Faszination. Ein Film, der sich perfekt dafür eignet, einfach in die Kunst von Anselm Kiefer abzutauchen. Ein Ertrinken darin wäre wunderbar gewesen, doch das traut sich die Produktion dann doch nicht.

Autor: Sebastian Groß
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