7.2

MB-Kritik

12 Uhr nachts - Midnight Express 1978

Drama, Crime, Thriller, Biography – USA, UK

7.2

Brad Davis
Irene Miracle
Bo Hopkins
Paolo Bonacelli
Paul L. Smith
Randy Quaid
Norbert Weisser
John Hurt
Mike Kellin
Franco Diogene
Michael Ensign
Gigi Ballista
Kevork Malikyan
Peter Jeffrey
Joe Zammit Cordina
Yashar Adem

Inhalt

1970, Flughafen Istanbul: Der Amerikaner Billy Hayes wird verhaftet wegen Haschischschmuggel. Vier Jahre später, nach einem langen Prozess, wird er zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Für Billy beginnt eine körperliche wie seelische Tortur. Zusammen mit seinen Mitgefangen Max und Jimmy plant er seine Flucht.

Kritik

Alan Parker gehört zu den Filmemachern, die in diesen inflationär aufgestellten Toplisten gerne mal übergangen werden, ähnlich wie ein Peter Weir (Der einzige Zeuge) oder auch Michael Cimino (Im Jahr des Drachen), obwohl sie doch mit einer künstlerischen Kontinuität aufwarteten, von der viele andere Kollegen nur träumen dürfen. Unter der Ägide von Alan Parker entstanden Werke, an denen sich die Menschen noch in Jahrhunderten erfreuen werden, weil er es in formidabler Ausübung verstand, sowohl zwischen anspruchsvollem Kunstkino und packender Unterhaltung umherzuspringen, als auch in den unterschiedlichsten Genres Fuß zu fassen. Zu seinen Glanzleistungen gehören der schwüle Okkult-Thriller Angel Heart wie der noch schwülere Rasssismus-Thriller Mississippi Burning – Die Wurzel des Hasses, die außerdem wunderbar veranschaulichen, wie akkurat Parkers Schauspielführung doch immer ausfiel. Parker war Zeit seiner Karriere kein Spaßvogel, Komödien sind in seiner Filmografie dann doch eher Mangelware. Beklemmender als in 12 Uhr nachts – Midnight Express hat man den Meister aber wohl nie erlebt.

Nach einem Drehbuch von Oliver Stone, der gemeinhin durch Filme wie Platoon, JFK – Tatort Dallas und Nixon – Der Untergang eines Präsidenten erfolgreich als politisch-engagierter Autorenfilmer etablierte, erzählt 12 Uhr nachts – Midnight Express die auf wahren Begebenheiten beruhende Passionsgeschichte des Billy Hayes: Bei seinem vierten Versuch, Haschisch aus der Türkei in die Vereinigten Staaten zu schmuggeln, wird der damalige Student auf dem Istanbuler Flughafen überführt. Und nachdem sich Billy eine Kooperation mit dem Geheimdienst eigenständig durch einen Fluchtversuch vermasselt hat, wird er inhaftiert. Alan Parker beweist seine inszenatorische Finesse schon in der mehr als brillanten Exposition: Wie wir Zeuge davon werden, wie Billy das Haschisch in den Flieger schmuggeln möchte, ist Suspense-Kino der Extraklasse, verstärkt durch den stetig schneller pochenden Herzschlag auf der Tonspur (ein Mittel, das Parker in Angel Heart nochmal aufgreifen wird). Schweißgebadet zeigt sich in dieser Sequenz gewiss nicht nur unser Protagonist, der die illegale Drogen nicht einmal zum Eigengebrauch verwenden wollte, sondern damit auf die Schnelle ein paar Dollar verdienen.

Aber Straftat ist Straftat und Billy muss es sich ohne Wenn und Aber gefallen lassen, dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Wie dies allerdings vonstattengeht, entbehrt sich jedoch jedweder Verhältnismäßigkeit, und nachdem Billys Anwalt eine Haftstrafe von vier Jahren ausgehandelt hat, die für ihn als Erfolg gefeiert werden sollte, nimmt das Dilemma seinen Lauf: Knapp zwei Monate vor seiner Entlassung beschließt die türkische Justiz ein Exempel an ihm zu statuieren und verurteilt ihn nachträglich als Schmuggler zu lebenslänglich in einem Istanbuler Dreckloch von Gefängnis. 12 Uhr nachts – Midnight Express wächst heran zu einer wahren Tour de Force und lässt Billy hilflos durch die grauenhaften Gepflogenheiten dieses Mikrokosmos wanken. Der Willkür des sadistischen Aufsehers Hamidou ausgeliefert, müssen sich die Gefangenen drakonischer Folter unterziehen und desolate hygienische Zustände erfahren. Allein die Gefängniskulisse erzeugt den puren Ekel im Zuschauer: Alles scheint feucht und verschmutzt, die Insassen müssen zusammengepfercht in heruntergekommenen Zimmern nächtigen, bis es am nächsten Morgen wieder Schläge mit der Route auf die nackten Fußsohlen regnet.

12 Uhr nachts – Midnight Express fiktionalisiert den Leidensweg des Billy Hayes' und Oliver Stone gestand später in einer Entschuldigung, die er an das türkische Volk richtete, dass er die Situation dann doch reichlich überdramatisierte. Aber geschenkt, wir sprechen von einem Spielfilm, der eine gewisse Wirkung einheimsen möchte, was ihm auch tadellos gelingt. Was 12 Uhr nachts – Midnight Express aber einen kleinen Zacken aus der Krone bricht, sind nicht die Umstände per se, denn dass es in einem türkischen Knast nicht gerade zimperlich zugeht, versteht sich wohl von selber. Es ist die Summe an auswegloser Grausamkeit, die Oliver Stone dem Zuschauer hier zumutet. Seine Skript weidet sich an einer markanten Xenophobie und Ressentiments, die noch heute beständig sind. Freundliche Türken hat 12 Uhr nachts – Midnight Express überhaupt nichts zu bieten, sonder nur durchtriebene und geisteskranke Zeitgenossen, den man kein Vertrauen schenken darf. Dass gerade diese Tatsache den echten Billy Hayes enttäuscht hat, versteht sich von selber, fällt dieser tendenziöse Habitus und der Hang zur Übertreibung doch irgendwo schon spürbar ins Gewicht. Und doch kauft man es Parker ab, dass er nicht vor hatte, ein derartig ungefiltertes Menschenbild zu propagieren.

Man könnte diese Darstellung auch aus einer repräsentativen Perspektive betrachten, die sich auf all die Systeme in unserer Welt bezieht, in denen sich Schuld und Sühne nicht die Waage halten, denn die Quintessenz von 12 Uhr nachts – Midnight Express ist der Aufruf gegen die vollstreckte Ungerechtigkeit, gegen eine korrupte (in diesem Fall eben osmanische) Rechtspolitik, die sich jedem logischen Verfahren entzieht. Was festzuhalten bleibt, ist, dass 12 Uhr nachts – Midnight Express manipulatives, aber simultan dazu eben auch erschreckend authentisches Kino ist. Das Gesetz des Dschungels thront über dem Gefängnis, Hoffnungsschimmer für Hoffnungsschimmer werden im Keim erstickt, Billy zerfällt immer weiter, bis es dann doch schlagartig eine erlösende Chance auf Rettung gibt – Endlich Durchatmen. Schön ist auch zu sehen, wie 12 Uhr nachts – Midnight Express es vermeidet, die Homosexualität ausschließlich als etwas widerwärtiges, etwas herabwürdigendes darzustellen. Vollkommen zu Recht ein Klassiker.

Fazit

"12 Uhr nachts - Midnight Express" ist freilich manipulatives Kino. Die Zeichnung der Türken im Film bleibt zuvorderst xenophoben Gedanken treu, was seiner Zeit für dementsprechende Aufruhr sorgte. Allerdings beweist Alan Parker hier seine inszenatorische Meisterklasse und hat, trotz offenkundiger Überzeichnungen, durch und durch authentisches Stück 70er Jahre Kino erschaffen. Eine ungemein beklemmende Erfahrung, auch noch fast 40 Jahre nach seiner Erstführung.

Autor: Pascal Reis
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