Bildnachweis: © Sony Pictures | Robert De Niro als Travis Bickle in "Taxi Driver"

MBs Kommentarspalte: Das Kinojahr 2019 ist langweilig

von Thomas Söcker

Man mag es kaum glauben, aber es liegt bereits mehr von 2019 hinter uns als noch kommt. Das macht auch vor dem Kino nicht halt. Als so genannter Cineast, der das voranschreitende Jahr vor allem in Kinoreleases denkt, sollte dies zu einer ersten Retrospektive führen – stattdessen schleicht sich aber ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend ein: Gähnende Leere.  Ganz als ob das Kinojahr 2019 noch gar nicht wirklich gestartet hätte. Tatsächlich sind wir bereits mittendrinnen. 

Ein Kommentar zum bisherigen Kinojahr 2019 

... Sorry, liebe Leser - das wird lang!

2019 bis jetzt - Disney, Blockbuster und Zahlen

Woher kommt dieses Gefühl? Obwohl das letztjährige Kinojahr die Aufmerksamkeit mit sowohl großen wie kleinen Meisterstücken stets gefangen hielt, konnte man es sich kaum verkneifen, hier und da kurz auf die kommenden Filme 2019 zu schielen. Und das hatte potenziellen Wums. Gefühlt jede Woche startet ein neuer, interessanter oder großer Film. Vor allem Blockbuster werden an jeder Ecke bedient. Superhelden aller Art machen mindestens einmal pro Monat das Kino unsicher – mit Fast & Furious, Star Wars und Avengers kehren drei der größten Franchises aller Zeiten in nur einem Jahr ins Kino zurück; Disney geht mit ihren Märchen-Realverfilmungswahn in die Vollen: sowohl Dumbo, Aladdin als auch das Mammutwerk Der König der Löwen starten bereits in den ersten 7 Monaten des Jahres. Und damit haben wir von den Fortsetzungen zu Die Eiskönigin, Jumanji oder Toy Story noch gar nicht gesprochen. Die Kinoindustrie boomt! … und keinen interessiert’s.  

2019 wirkte in der Vorausschau auch wie das Jahr, in dem Disney letztlich den Markt an sich reißt: Marvel, Märchen, Star Wars und die Übernahme von Fox sind Meilensteinen, die sich in ihrer Wichtigkeit beinahe gegenseitig ausradieren. Im Bereich des Box Offices schlägt sich das bisher noch nicht im Extremen nieder (das merken wir vermutlich erst in den nächsten ein, zwei Jahren), mit bisher ca. 36 % des Jahres-Box-Office steht Disney aber dennoch ausgezeichnet da. Das nächstbeste Studio Warner kann mit  ca. 15 % da nur neidisch aus der Wäsche gucken.

Warum das lange Gesicht?

Ein Superlativ nach dem anderen also – ein Megafranchise jagt das nächste – Disney lässt die Muskeln spielen und andere Studios versuchen verzweifelt ihre letzten IP’s in große Megaerfolge zu verwandeln. Die Wichtigkeit von Streaming, die rapide voranschreitende Entwicklung des Heimkinomarktes, der eine neue Zeitrechnung im Genuss von Unterhaltungsmedien einläutet, haben wir damit noch nicht einmal angekratzt. 2019 strotzt bisher vor extremen Entwicklungen im Hyperdrive – und dennoch wirkt das Kinojahr 2019 bisher irgendwie leer, irgendwie nichtssagend. Vor allem wenn man auf die „großen“ Filme des Jahres schaut, die in der Vorausschau noch so viel Schaum schlugen.

Natürlich kann ich nur aus meinem eigenen Horizont heraus sprechen und nur von meinen eigenen Kinoerfahrungen 2019 berichten. Neben Job und Privatleben bleibt immer weniger Zeit für das Kino und mit „nur“ 36 neuen 2019-Filmen in der bisherigen Watchlist habe ich natürlich nicht einmal einen Bruchteil dessen gesehen, was 2019 bisher zu bieten wusste. Aber wirklich das Gefühl etwas Besonderes verpasst zu haben stellt sich eben auch nicht ein.

2015 sind wir alle noch aus dem Häuschen geflippt, als ein Star Wars Film wieder das Licht der Leinwand erblicken durfte. 2019 erwartet uns nicht nur der Abschluss der „Skywalker“-Saga, auch das Megafranchsie Avengers fand einen ersten Abschluss. Ob ein letztes Mal Fox’s X-Men, die Rückkehr der Men in Black, eine R-Rated-Version von Hellboy, Jordan Peeles neuster Eintrag ins Horroruniversum oder der erste Marvelfilm mit weiblicher Protagonistin - Prämissen, für die man vor einiger Zeit noch die Hände zusammengeschlagen hätte, führen heute höchstens zu einem gelangweilten Schulterzucken. Bereits in ein paar Jahren hat uns der zunehmende Franchisewahn als Zuschauer desensibilisiert. „Große“, teure Filme, Fortsetzungen, Prequels und Spin-Offs gehören heutzutage zur Kinolandschaft ebenso dazu wie kreative Mittelmäßigkeit.

Eine "nette" Blockbuster-Schablone

Und das ist auch ein Problem. Übersättigung ist die eine Sache, mittelmäßige Qualität die andere. Studios wie Disney finden in dieser Entwicklung guten Boden für ein erfolgreiches finanzielles Geschäft –der Woweffekt, der Kino zu dem macht was es ist, geht zwar flöten, aber Moneten fließen weiterhin ohne Ende. Endlich scheint es für Studios eine vorgearbeitete Blockbuster-Schablone zu geben, die keinen großen kreativen Neuaufwand braucht und dennoch Filme produziert, die gut genug sind, damit man ins Kino geht. Disney würde sagen: „Jeder neue Blockbuster fühlt sich vertraut an."  Ich sage: „Jeder neue Blockbuster fühlt sich alt an.“

Zu geringeren Box-Office-Erfolgen führt diese Entwicklung nicht. Ins Kino wankt man nach wie vor, die Qualität ist ja immer noch nett genug. Im Endeffekt führt der Kinogang aber zu keiner Sättigung. Der Fast-Food-Vergleich ist vielleicht ebenso überstrapaziert wie Johnny Depps Bank-Account, er drängt sich aber auch in diesem Kontext nachhaltig auf. Eine gut genug-Qualität, die im Moment schmecken kann, aber niemals sättigt und den Konsumenten nach und nach abstumpft: Fast Food-Ketten folgen diesem Prinzip bereits seit Ewigkeiten und weisen immense Erfolge nach. Warum also nicht auch die Kinoindustrie? Auch Mittelmäßigkeit kann süchtig machen, einfach weil man das Unbekannte schon vorher kennt.

Ist 2019 bisher nun wirklich ein schwaches Kinojahr? Wäre es vor vier Jahren noch sättigender gewesen? Oder führt die Überfrachtung an Blockbustern nun letztlich zu der Retro-Müdigkeit, die bereits so oft vorhergesagt wurde? Ich kann nur für mich selbst sprechen, aber mit Ausnahme weniger schöner Kinoerfahrungen und trotz 36 gesehenen Filmen, stellt sich bei mir keinerlei rundes Gefühl in Hinblick auf diese Filmsichtungen ein. „Die Hälfte ist geschafft“ – das klingt nach Fortschritt, ist im diesjährigen Kinokontext aber kaum der Rede wert. 

Und zum Schluss?

Schwarzmalerei gibt es jährlich – im Bereich Unterhaltung ebenso wie in der Politik oder der Gesellschaft – und sicherlich ist diese oft berechtigt. Aber der Bereich Kino entwickelt sich nicht in Richtung der Zerstörung oder eines Extrems – es ist die Richtung ins absolute Mittelmaß, in die nichtssagende Malen-nach-Zahlen-Film-Schablone. Und das macht einem wie mir mehr Angst als jede Form des kreativen Extremismus –weil es keine Gegenreaktion nach sich zieht; weil es nicht zum Aufschrei führt –  eben weil die einzige Reaktion totale Lethargie  darstellt. „Gut genug“ – das ist immerhin immer noch irgendwie „gut“ – und das reicht uns doch, nicht wahr? Langeweile bedeutet immerhin keine Arbeit. 


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