Bildnachweis: © Netflix | Promobild zu "Anne with an E"

"Anne with an E" - Staffel 1 - Kritik

von Miriam Aissaoui

Inhalt

Das 13-jährige Waisenkind Anne Shirley (Amybeth McNulty) wird im Jahr 1890 nach einer schlimmen Kindheit in verschiedenen Waisenhäusern versehentlich zu den älteren Geschwistern Matthew und Marilla geschickt. Im Laufe der Zeit verändert Anne das Leben der beiden und auch die kleine Stadt mit ihrer positiven Einstellung, ihrem Intellekt und ihrer Vorstellungskraft.

Kritik

1908 erschien Anne auf Green Gables als Kinderbuch aus der Feder der kanadischen Autorin Lucy Maud Montgomery. Die Geschichte um das quirlige Waisenkind mit den großen Träumen, Zielen und dem Willen, sich nicht den Normen der Gesellschaft zu beugen, wurde schnell zu einem großen Erfolg. Montgomery schrieb mehr als acht Bücher über Annes Leben und das ihrer späteren Kinder. Die erste Verfilmung fand 1919, in Form eines Stummfilms, den Weg auf die Leinwand. Zum jetzigen Zeitpunkt existieren drei Filme, eine japanische Anime-Serie (Anne mit den roten Haaren), eine Realfernsehserie (als Film zusammengefasst) aus dem Jahre 1985 und mit Anne with an E nun eine Netflix Original Serie, die sich alle Montgomerys fortschrittlichen Romanen als Ideengeber und Vorlagen bedienen. Weiterhin findet der Fan von Anne auch diverse Musicals oder Hörspiele in der Welt der kreativen Umsetzungen.

2017 nahm sich Moira Walley-Beckett (Flesh and Bone), die unter anderem als Produzentin bzw. Co-Produzentin bei Breaking Bad mitwirkte, dem eigentümlichen Charakter Anne Shirley für CBC Television in Co-Produktion mit Netflix an. Die erste Staffel umfasst sieben Folgen, die darauffolgenden Staffeln zwei und drei jeweils zehn. In die Rolle der Protagonist schlüpfte Jungschauspielerin Amybeth McNulty (Das Morgan Projekt), die aus über 1800 Bewerberinnen ausgewählt wurde und außergewöhnliche schauspielerische Leistungen in der Serie entfaltet. Unterstützt wird sie dabei von Geraldine James (Verblendung) als ihre Ziehmutter Marilla Cuthbert und R. H. Thomson (The Quarrel) als ihren Ziehvater und Bruder von Marilla, Matthew Cuthbert.

Anders als vorangegangene Umsetzungen, konzentriert sich Walley-Beckett nicht nur auf die schönen familienfreundlichen Seiten der Geschichte um Anne, sondern thematisiert – wenn auch nicht explizit – die Misshandlungen, die Anne in dem Waisenhaus, aus dem sie stammt, ertragen musste. Denn diese Phasen der physischen und psychischen Bestrafungen, das konstante Mobbing, dem sie ausgesetzt war und das soziale Umfeld, in welchem sie heranwuchs, beeinflussten ihre Persönlichkeitszüge nachhaltig. Einige würden sogar so weit gehen zu behaupten, dass Anne posttraumatische Belastungsstörungen aufweist, was naheliegend ist und ihre sozialen Eigenheiten, sowie den Drang, in aufgebauschte, fantastisch-romantische Märchen zu flüchten, erklären würden.

Umso erstaunlicher ist die Anne, die uns hier in den ersten sieben Folgen begegnet und umso nachvollziehbar ihr Wunsch, endlich in eine richtige Familie aufgenommen zu werden. Feinfühlig nähert sich hier Walley-Beckett dem neuartigen Familienkonstrukt der Cuthberts, deren Überforderung mit der quirligen und extrovertierten Anne und arbeitet Schritt für Schritt einen Verlauf der Geschehnisse heraus, der den Zuschauern nahe geht und sich dabei noch sehr an die Vorlage hält. Authenzität ist dabei ein großer Faktor, den die Serie vor allem den passionierten Darstellern zu verdanken hat. Amybeth McNulty spielt nicht nur Anne Shirley Cuthbert: Sie wird zu dieser während der Laufzeit der einzelnen Folgen und ihre erwachsenen Schauspielkollegen stehen ihr in Herzblut dabei in Nichts nach.

Auch gesellschaftliche Klassenunterschiede, Vorurteile und Normen werden aufgegriffen, die an Annes unvoreingenommen offenherziger Art zuerst abprallen, nur um dann doch Spuren hinterlassen. Für ein Waisenkind, das bei einem Geschwisterpaar auf einer Farm lebt, ist das Leben kein einfaches: Die Kinder des höheren Standes, die nur selten mit so einer eigenartigen Person wie Anne, die sich auch in keinerlei soziale Form pressen lässt, aufeinandertreffen, äußern ihren Unmut durch soziale Ausgrenzung und Anne muss hier, unverschuldet, sich nicht nur einer neuen Form von Mobbing stellen, sondern auch versuchen, sich die Sympathie ihrer MitschülerInnen zu erkämpfen. Denn wenn man eins aus Anne with an E lernt, dann dass nach jedem Tief auch wieder ein Hoch kommt und ein Silberstreifen am Horizont nicht nur wahrscheinlich, sondern auch greifbar ist.


Technischer Part

Die Blu-Ray-Box aus dem Hause justbridge entertainment (VÖ: 6. April 2020) kommt in einem schönen Papp-Schuber daher. Das Cover eben jener und der Discs sind liebevoll gestaltet. Die sieben Folgen der ersten Staffel sind sowohl in Deutsch (Dolby Digital 5.1) als auch in Englisch (Dolby Digital 5.1) verfügbar. Das 16:9 Vollbild erstrahlt in bester HD Qualität mit 1920x1080p Bildauflösung. Die Kontraste sind dabei satt, die Bilder klar und strahlend. Wer sich allerdings Untertitel wünscht, ist mit dieser Veröffentlichung schlecht beraten und sollte lieber auf Netflix zurückgreifen – es sind keinerlei vorhanden; ebenso wie Boni. 

Fazit

Mit "Anne with an E" beweist Moira Walley-Beckett, dass die Furcht vor großen, beliebten Vorlagen nicht immer begründet ist und sich ein neuer, frischer Blick auf die Geschichte lohnt, ohne den Fokus für den Kern dieser zu verlieren. Vor allem die brillanten Schauspieler, die liebevolle Inszenierung und passende musikalische Untermalung machen die erste Staffel von "Anne with an E" zu so viel mehr als einem weiteren Eintrag in Netflix' langer Serienliste.

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