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Moviebreak geht unter die Detektive: True Detective Staffel 2.6

von Sandra Scholz

Da ich die fünfte Folge gestern erst vorgestern gesehen habe und der Terminplan so dermaßen voll war dass ich nicht dazu kam, etwas zu schreiben, machen wir heute mal planmäßig mit der sechsten Folge weiter. Eventuell reiche ich das Recap für Folge Fünf nach, aber vermutlich wird mich in den nächsten 45 Minuten die Motivation dazu völlig verlassen. Ich werde also die Ereignisse aus Folge fünf hier mit aufgreifen, denn sind wir mal ehrlich: so wirklich viel passiert in dieser Serie eh nicht. 

Nachdem in der letzten Woche die Scherben des Vinci-Massakers aufgesammelt wurden und wir einen kleinen Zeitsprung von knapp drei Monaten hinter uns brachten, sind unsere Detectives erneut im Einsatz. Denn dass sich die ganze Geschichte mit dem Massaker von selbst beendet hat glaubt nun wirklich niemand. Offiziell gehen die drei zwar nun anderen Jobs nach, doch undercover geht die Arbeit weiter. Ray erfuhr außerdem, dass Frank ihn damals auf eine falsche Fährte brachte und der Vergewaltiger seiner Frau noch immer lebt. Was uns einen Cliffhanger in Form eines Rays beschaffte, der vor Franks Tür aufgetaucht ist. Und wenn wir uns an den Staffelbeginn zurückerinnern, dann ist ein wütender Ray vor der Tür niemals eine gute Sache. 

Effektiver wäre dieser Cliffhanger natürlich gewesen, wenn ich irgendwie Sympathien für Frank hegen würde. Aber der Zug ist nach 5 Folgen abgefahren. Da dies also nicht der Fall ist ging ich an diese Folge mit Erwartungen irgendwo knapp über Null. Letzte Woche ließ sich im Gesamtpaket zwar ein leichter Aufwärtstrend festmachen, aber ein bisschen Skepsis schadet ja nie. Doch es geschehen noch Zeichen und Wunder, und Vince Vaughn kann im Zusammenspiel mit Colin Farrell endlich mal zeigen, dass er was draufhat. Befreit von prätentiösen Dialogen und dem Zwang, den bösen Macker raushängen zu lassen, liefern die beiden sich ein verbales Duell am Küchentisch. Und ich saß tatsächlich hier und war fasziniert. 

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Frank selbst weiß entweder selbst nicht, welchen Fehler er vor Jahren begangen hat, oder er verbirgt das ziemlich gut. Die beiden einigen sich vorläufig darauf, sich nicht gegenseitig umzubringen und stattdessen zum normalen Prozedere zurückzukehren. Ich kann ja nicht oft genug betonen dass ich Vince Vaughn wirklich gerne mag, umso mehr freut mich nun diese gelungene Szene. Es sind diese Momente, in denen das Character-Building glaubhaft stattfinden kann. Und Frank und Ray bieten zwei völlig verschiedene Ansätze im Umgang mit ihrer Vergangenheit. Der eine schaut nach vorn und will etwas ändern, während der andere in seiner Vergangenheit gefangen scheint und stetig auf der Flucht ist. 

Diese Vergangenheit scheint Ray dann auch zu überwältigen. Nachdem er seinen Sohn nur unter Aufsicht besuchen darf und seine Exfrau nach wie vor auf einem Vaterschaftstest besteht, brennt ihm gleich der ganze Sicherungskasten durch. Nach ein paar saftigen Lines Kokain, ein paar anständigen Drinks und den obligatorischen Zigaretten muss die Energie erstmal wieder aus dem Körper. Also wird ein bisschen trainiert. Zum runterkommen entschließt Ray dann, ganz auf das Sorgerecht für sein Kind zu verzichten. Seine einzige Bedingung: seine Exfrau darf ihrem Sohn nicht sagen, dass er das Produkt einer Vergewaltigung ist. Nach einigem Zögern stimmt sie dieser Bedinung zu, und Ray kann sich ans ausnüchtern begeben. Sicher bin ich mir noch nicht, ob diese Entscheidung nun endgültig war, oder ob Ray sich das anders überlegen wird. Doch es könnte ein riesiger Schritt in die andere Richtung sein, und der Beginn einer Ruhephase. 

Paul verfolgt die Spur der Diamanten weiter, und Ani hat einen irgendwie so gar nicht durchdachten Plan ins Auge gefasst. Sie will sich auf eine der exklusiven Parties einschleichen. Gesagt, getan. Im erlesenen Kreis all dieser Männer findet sich dann auch die Riege der Vinci-Verantwortlichen. Leider werden die Eskort-Damen mit Drogen in Spray-Form gefügig gemacht, und Anis undurchdachter Plan eskaliert. In einer weiteren, von Drogen verzerrten Sequenz (die sich von Rays Erlebnissen visuell fundamental unterscheidet) begleiten wir Ani durch die scheinbar unzähligen Räume voller kopulierender Körper. Immer wieder taucht ein Gesicht auf, und schnell wird klar, dass Ani als Kind einer Form von Missbrauch zum Opfer fiel. Unter der Aufsicht ihres Vaters. Nun, woher die Differenzen zwischen den beiden kommen dürfte klar sein, und auch für Anis Verhalten Männern gegenüber scheint ein Grund gefunden zu sein. 

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Dem irgendwie ausgetretenen "Rape as Backstory"-Trope stehe ich ja dann doch kritisch gegenüber. Dass es dann gleich eine ganze Orgie braucht, um dieses Erlebte wieder zu triggern...naja, HBO halt. Dass die Szenen funktionieren liegt wohl hauptsächlich daran, dass Rachel McAdams so großartig ist. Der Kontrast der Emotionen die sich in ihren Augen und um ihren Mund herum spiegeln könnte größer nicht sein. Und es zerbricht mir das Herz dass es irgendein Typ war, der einem kleinen Mädchen etwas von Einhörnern im Wald erzählt hat, und so ein Leben nachhaltig negativ beeinflusst hat. Als ob Ani nicht sonst schon genug durchgemacht hätte. 

Immerhin hat sie das vermisste Mädchen aus der ersten Folge auf der Party gefunden und gerettet. Oh, und sie hat einen Typen ziemlich eindrucksvoll und routiniert gemessert. Hat sich das Training also gelohnt. Während Ani auf der Party unterwegs war hat Paul ein paar Unterlagen entwendet, die Truppe war also alles in allem diese Woche effizient und erfolgreich. Zusammen mit der blutverschmierten Hütte im Wald (auf welche die örtliche Polizei schon wieder höchst verdächtig reagiert) ergibt sich so langsam ein Bild, und ich hoffe auf Aufklärung in den letzten zwei Episoden. 

Doch ich bin mir nicht sicher, ob wir die überhaupt bekommen werden. War es in Staffel 1 noch die weird fiction, die ihren Platz in der Narrative hatte, so ist es diesmal eine Form der Heimsuchung, die sich durch die Staffel zieht. Alle Figuren werden verfolgt: von ihrer Vergangenheit, ihren möglichen Versionen einer Zukunft. Von einer Version ihrer selbst, die sie gerne wären, aber niemals sein können. Denn so funktioniert Vinci nicht. Ehrlich unf aufrichtig sind zwei Arten, die in dieser Stadt ausgestorben sind. Von innen verrottet und korrupt. Unfruchtbar. Vielleicht ist nicht der überdimensionale Schatten von Staffel eins das Problem. Vielleicht ist es eher die Tatsache dass Form und Inhalt sich zu sehr angenähert haben. Dreckig und unschön, aber irgendwie realistisch. Mit kleinen Fehlern versehen, klar. Doch "Church in Ruins" hat mich das erste Mal in dieser Staffel richtig gepackt, auch weil die langweiligen Geschichten ausgelassen wurden. Zwar geht noch immer zuviel Zeit dafür drauf, dass die Figuren Dinge weitergeben, die schon längst bekannt sind. Doch das Tempo wurde maßgeblich angezogen, nun brettern wir hoffentlich ungebremst diesen korrupten, hässlichen Berg herunter.

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