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Glückt der zweite Anlauf? Kritik zur Netflix-Serie "Avatar - Der Herr der Elemente"

von Marco Focke

Inhalt

Das Avatar-Universum wird von den vier Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft geprägt. Menschen können über Kampfkunst-Bewegungen jeweils eines der Elemente manipulieren und dieses für ihre Zwecke nutzen. Sie werden als Bändiger oder Bändigerin bezeichnet. Die vier Gruppen – die Wasserstämme, das Erdkönigreich, die Feuernation und die Luftnomaden – bewohnen die Welt, bis die Feuernation beschließt, die friedliche Koexistenz einseitig aufzubrechen. Einzig der Avatar ist in der Lage, mit dem Bändigen aller vier Elemente das Gleichgewicht in der Welt wiederherzustellen. Doch im dringendsten Moment des Widerstands verschwand er, ehe zwei Teenager vom Wasserstamm ihn hundert Jahre später im dicken Eis am Südpol entdecken.


Kritik

Nach dem erfolgreichen Beginn des Piratenabenteuers mit „One Piece“, reitet Netflix die Welle der Nostalgie nun ein weiteres Mal. Der Schwierigkeitsgrad ist mit der Wahl auf Avatar – Der Herr der Elemente nicht gerade niedriger geworden. Das Fantasy-Zeichentrick-Original von Nickelodeon hat Kultstatus erreicht, die Wiederveröffentlichung beim Streaming-Riesen erfreute sich großer Beliebtheit in den Vereinigten Staaten während der Corona-Pandemie. Ganz im Gegensatz steht die ersten Live-Action-Adaption: Diese hatte M. Night Shyamalan (The Sixth Sense) im Jahr 2010 total gegen die Wand gefahren.

Vierzehn Jahre später folgt also der zweite Versuch. Und wieder ist ein Live-Action-Remake von äußeren Umständen geplagt: Die ursprünglich eingespannten Produzenten und Zeichentrick-Schöpfer Michael Dante DiMartino und Bryan Konietzko (beide: Die Legende von Korra) trennten sich nach kreativen Differenzen mit Netflix. Zusätzlich entbrannte im Januar eine Sexismus-Debatte um einen der Hauptcharaktere. Aber dazu später mehr.

Die erste Staffel der Zeichentrick-Serie beinhaltet 20 Episoden, die erste bei Netflix wiederum nur acht Episoden – Abstriche sind also vorprogrammiert. Showrunner Albert Kim geht bei der Strukturierung der Handlung daher einen ähnlichen Weg wie Steven Maeda und seiner Adaption von „One Piece“: Er vermischt nämlich mehrere Erzählstränge in jeder Episode. Das Mashup-Prinzip überreizt Kim jedoch. Mal sind die Episoden überfrachtet (wie in Folge 3: „Omashu“), mal konzentriert sich die Handlung auf die Hintergründe, um die Charaktere auszuschmücken (wie in Folge 5: „Weggezaubert“). Letzteres gelingt in Teilen. In regelmäßigen Abständen wirkt das Live-Action-Remake von Avatar – Der Herr der Elemente gehetzt und verkrampft. Ob sich hier die Angst vor Netflix‘ Unberechenbarkeit widerspiegelt, was die Bestellung oder Absage einer weiteren Staffel anbetrifft? Jedenfalls fehlt die Leichtigkeit in der Handlung.

Das Drehbuch bereitet Kopfschmerzen

Da wäre auch schon das größte Problem der ersten Staffel: das Drehbuch. Oftmals kommt es zur sprachlastigen Charakterexposition, die die Spannung untergräbt. Zum Beispiel bei der zentralen Verfolgungsjagd – aufbereitet als Parallelmontage – zwischen Team Avatar und Prinz Zuko von der Feuernation. In Folge Eins gibt Zuko, kurz vor der 30-Minuten-Marke, bereits Preis, warum er Jagd auf Avatar Aang macht, inklusive einem Blick auf die Thronfolge in der Feuernation. Gegen Ende derselben Folge legt der junge Avatar gleich mal den kompletten Fahrplan fest:

„Ich weiß vieles noch nicht. Sie (die Mönche) haben das größte Opfer erbracht, für mich! […] Also werde ich tun, was sie von mir erwarteten. Ich werde trainieren und bändige die anderen Elemente, um das Gleichgewicht der Welt wiederherzustellen. Ich weiß nicht […] ob ich das schaffen kann. Aber eins weiß ich genau! Ich bin der Avatar. Und das hier ist erst der Anfang.“

Abgesehen von der Floskel zum Schluss sind das viel zu viele Informationen! Da können die Drehbuchautor:innen ruhig die Salami-Taktik anwenden und die Informationen peu à peu hinzufügen.

Apropos fehlende Leichtigkeit: die Schauspieler:innen von Aang (Gordon Cormier) und Katara (Kiawentiio) können gar nicht aus sich herauskommen, so wie die Rollen für sie geschrieben wurden. Entfaltung Fehlanzeige. Cormier schaut des Öfteren beunruhigt oder verunsichert rein, während Kiawentiio die Impulsivität und das Selbstbewusstsein nicht ausstrahlt – gegen Ende der Staffel ein wenig. Die Kamera leistet bei beiden keine Abhilfe, geschweige denn die Dialoge. Allenfalls der Nostalgie-Faktor ist dank der Originalstimmen eine willkommene Ablenkung. Ian Ousley (Physical), der Sokka mimt, macht einen minimal besseren Eindruck. Um seine Figur ist die Sexismus-Debatte entbrannt, die Fans im Nachhinein unnötig aufgeblasen haben. Anstatt Sokkas Respektlosigkeit gegenüber Frauen aus dem Original zu kopieren, baut Showrunner Kim dagegen einen milderen Konflikt zwischen ihm und seiner Schwester Katara auf, der die Verantwortung beider in den Fokus rückt.

Das ist nicht verkehrt, aber mit dem dürftigen Design von Katara ist das schlicht und ergreifend ein Ärgernis. Dazu gesellt sich die fehlende Chemie des Trios. Wo bleiben die kleinen Albernheiten? Vor allem mit Aangs fliegenden Bison Appa, der hier zum niedlichen Nutztier degradiert wurde. Gut, dagegen kann das begrenzte, wenngleich hohe Budget als Argument herhalten. Immerhin kostet jede Episode 15 Millionen US-Dollar. Doch die fehlenden kleinen Dinge lassen die Drei unbeholfen aussehen.

Überzeugendes Bändigen, diverser Cast

Aber genug gemeckert, denn das Budget für die Netflix-Serie macht sich natürlich auch positiv bemerkbar. Endlich sieht das Bändigen der Elemente vernünftig aus! Besonders das Erdbändigen ist um so vieles besser als der Murks, den Shyamalan fabriziert hat. Dankenswerterweise ist der Cast nun divers für eine Serie, die im Original bereits überwiegend von den asiatischen Kulturen sich inspirieren ließ. So ist die chinesische Kultur dem Element Feuer zugeordnet, die indische dem Element Erde, die Inuit sowie indigenen Völker gehören zum Element Wasser, während die damaligen Luftbändiger den Tibetanern nachempfunden sind. 

Nebenbei ist Daniel Dae Kim (Hawaii-Five-0) als Feuerlord Ozai eine Top-Besetzung, wie auch Dallas Liu (Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings) als Prinz Zuko und Paul Sun-Hyung Lee (The Mandalorian) als sein stetiger Wegbegleiter Onkel Iroh ein stimmiges Duo abgeben. Die CGI-Versionen des eben erwähnten Appa und des Lemuren Momo können sich sehen lassen. Das Design der Städte und die Kostüme gefallen, wenngleich zweites durch die Netflix-typische Sauberkeit auffällt. Die Kampfsequenzen, insbesondere mit Prinz Zuko, gelingen mit den Choreografien. Mit der Altersdifferenz in den Konfrontationen von Gordon Cormier (13 Jahre) mit Dallas Liu (21 oder 22 Jahre) bekommen sie zusätzliches Gewicht. 

Positive Änderungen sind zuletzt auch in der Geschichte vorzufinden. Es ist aber kurios, das ausgerechnet die gegnerische Seite stimmiger wirkt als das Team um Avatar Aang. So konzentriert sich Albert Kim verstärkt auf die Dynamik innerhalb der Familie des Feuerlords Ozai, dem Oberhaupt der Feuernation. Beispielsweise mit Ozais manipulativer Anstachelung seiner Kinder. Die sechste Folge „Masken“ ist das Highlight der ersten Staffel aufgrund einer geschickt hinzugedichteten Wendung in der Truppe, die Zuko begleitet. Diese kann gar auf das aktuelle Verheizen von jungen russischen Soldat:innen in Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine übertragen werden.

Welche Namen sind im Abspann der sechsten Episode als Autor:innen wohl mit aufgeführt? Richtig: Michael Dante DiMartino und Bryan Konietzko. Es wäre interessant zu erfahren, wie sie die komplette erste Staffel gestaltet hätten. Wenigstens versteht Kim, die zugrundeliegenden Themen Verantwortung, Erfolgsdruck und die Auswirkungen des Krieges klar zu veranschaulichen. Schließlich hat er sich clevererweise mit dem Epilog Freiraum verschafft für die weitere Entwicklung des Remakes und der Darsteller:innen. Freiraum, der an anderen Stellen bitter nötig gewesen wäre.


Fazit

Ist die Live-Action-Adaption von „Avatar – Der Herr der Elemente“ im zweiten Anlauf geglückt? Jein. Zum einen ist die Netflix-Serie um Welten besser als der einstige Langfilm, sowohl visuell als auch in den Kernthemen ist sie grundsolide. Zum anderen überlädt Showrunner Albert Kim die Episoden mit Inhalt und hätte noch selektiver zu Werke gehen sollen. Dazu kommt ein Drehbuch, das die Schauspieler:innen und deren Figuren um ihre Glanzmomente bringt. Vieles ist auf ernst getrimmt, der Spaß wie der Witz geraten dafür ins Hintertreffen. Für die zweite Staffel kann Kim eigentlich nur folgender Rat in Form von zwei Sprichwörtern mit auf dem Weg gegeben werden: „Weniger ist mehr“ und „show, don’t tell“.

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