Im Jahr 1889 wurde der Eiffelturm zum 100-jährigen Jubiläum der Französischen Revolution feierlich eingeweiht. Doch das spielt in Louise und die Schule der Freiheit keine Rolle. Zwar kommt die Protagonistin Louise (Alexandra Lamy, Das Zimmer der Wunder) aus Paris, aber der Film findet fast ausschließlich im ländlichen Frankreich statt. 1889, ein paar Jahre, nachdem die Schulpflicht eingeführt wurde, soll sie in einem Dorf eine Bildungsstätte eröffnen. Soll? Nicht nur, denn Louise träumt von einer Welt, in der alle Menschen nicht nur das Recht auf Bildung haben, sondern auch die freie Wahl, sie in Anspruch zu nehmen.
Regisseur und Drehbuchautor Éric Besnard (Die einfachen Dinge, Birnenkuchen mit Lavendel) zeichnet das Intro erwartungsgemäß pittoresk. Doch die hübsche Natur schummelt. Hinter der malerischen Fassade lauern schwerwiegende Existenzsorgen, zwischenmenschliche Debakel und Zweifel hinsichtlich Fortschritt und Entwicklung inmitten der brutalen Alltagswahrheit. Und so kippt die Stimmung schnell, der Sonnenschein schwindet und die vermeintliche Idylle wechselt in eine bedrückende Atmosphäre. Besnard bebildert das mit brachialem Regen, der die eh schon unkomfortable Wohn- und Schlafsituation von Louise in der Scheune des Bürgermeisters (Grégory Gadebois, Das kostbarste aller Güter) noch mehr herausfordert.
Das alles dient auch der Charakterzeichnung von Louise, soll uns zeigen, wie grundmotiviert und stark sie ist, soll ihr Durchhaltevermögen betonen, obwohl sie Gravierendes erlebt hat, wie uns der Film früh mitteilt: „Vielleicht bin ich auf der Flucht“, sagt sie selbst. In der ersten Szene erfahren wir bei einem Gespräch von Louise mit einem gesichtslosen Mann, dass ihre Vergangenheit auch Entscheidungen gegen die Republik beherbergt. Was hat sie getan, was hat sie erlebt? Der simple Spannungskniff wabert von Beginn an vor sich hin und das Geheimnis lüftet sich später auch – doch ausschlaggebend ist die Nebengeschichte kaum. Im Zentrum von Louise und die Schule der Freiheit stehen andere Themen.
Wie gehen Menschen mit Fortschritt und Entwicklung um? Anders gefragt: Welche Möglichkeiten haben sie, Veränderungen anzunehmen? Verneinen ist meist kein bloßer Trotzakt, sondern tief in dem verwurzelt, wie sie erzogen wurden, was sie durchgemacht haben, wie ihre aktuelle Lebenssituation ist. Das legitimiert nichts – aber es sollte Teil einer differenzierten Betrachtungsweise sein. Zumal es zweite oder auch dritte Chancen gibt. Weil Menschen die sprichwörtliche Kurve kriegen, Reue zeigen und sich verändern können. Manchmal lohnt es sich, darum zu kämpfen. Auch das möchte uns Louise und die Schule der Freiheit zeigen – ganz deutlich an Rémi (Jérémy Lopez, Eiffel in Love).
Die Geschichte und Themen sind zeitlos. Im Film verkörpern Bildung und Frauenrechte die Entwicklung, Aspekte wie Fotografie spiegeln den Fortschritt. Heute haben wir auf der einen Seite beispielsweise Diversität, Nachhaltigkeit, Gendersprache und auf der anderen künstliche Intelligenz. Es sind die Belange unserer Zeit, die uns auf die eine oder andere Weise fordern – immer im subjektiven und gesellschaftlichen Kontext. Natürlich gibt es richtig und falsch, aber nicht immer im Sinne von Schwarz und Weiß. Sofern wir uns im ethisch-moralischen Normalbereich befinden, wobei auch der zu definieren wäre, besteht die große Kunst darin, nicht von A auf B zu schließen, sondern zwischen die Zeilen zu blicken, nachzufragen, zu diskutieren, empathisch zu sein, zu streiten, zu vergeben.
Louise und die Schule der Freiheit lässt sich auch als reine Tragikomödie schauen. Ein Schmunzler hier, eine Träne dort. Aber der Subtext ist gewaltig. Das liegt vor allem am Gewicht der Worte inmitten eines begrenzten Settings, einer ruhigen Erzählweise und überschaubarer Figuren. Die Dialoge und Monologe, ob alltagsgesprächig oder symbolträchtig (mit Holz arbeiten heißt auch, an sich selbst zu arbeiten; aus welchem Holz will man geschnitzt sein?), sind erstklassig – sie bilden das Fundament, auf dem die Geschichte steht, die tragenden Wände, die sie stützen und spannend halten, das Dach, das sie komplettiert und abrundet. Jeder Satz ist zweckdienlich, kein reißerisches Niveau, keine Floskeln. Das ist ein großes Lob an das Drehbuch.
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