8.4

MB-Kritik

Der Große Diktator 1940

Comedy, Drama, War – USA

8.4

Charlie Chaplin
Jack Oakie
Reginald Gardiner
Henry Daniell
Billy Gilbert
Grace Hayle
Carter DeHaven
Paulette Goddard
Maurice Moscovitch
Emma Dunn
Bernard Gorcey
Paul Weigel
Chester Conklin
Esther Michelson
Hank Mann
Florence Wright

Inhalt

Anton Hynkel (im Original Adenoid Hynkel, gespielt von Charles Chaplin) ist Der Große Diktator von Tomanien. Gnadenlos und brutal unterdrückt er Juden und strebt nach immer mehr Macht. Doch er weiß nichts von seinem Doppelgänger. Ein jüdischer Friseur (ebenfalls Chaplin), der nach einem Flugzeugabsturz im ersten Weltkrieg sein Gedächtnis verloren hat, gleicht ihm bis ins kleinste Detail. Der Friseur ahnt nichts von der Judenverfolgung, weil er von dem Kommandeur Schultz (Reginald Gardiner), dem er einst das Leben rettete, beschützt wird. Gemeinsam und mit dem Glück auf ihrer Seite sagen der Kommandeur und der Friseur dem Diktator den Kampf an.

Kritik

Charlie Chaplin (Goldrausch) hat sich schon immer als großen Humanisten präsentiert, dessen Werke in ästhetischer Höchstleistung meist etwas beruhigend Menschliches mit sich bringen. Der große Diktator hat nicht nur mit die ikonischsten Szenen seines ganzen Schaffens, sondern gilt zurecht als großartige Aufarbeitung der NS-Zeit, die den dünnen Grad trifft, die NS-Zeit und Hitler lächerlich zu machen, ohne ihnen ihre Fürchterlichkeit zu rauben, ohne sie zu einer Clowns-Parade zu machen, sie einfach nur als Setting auszunutzen, wie es aktuell - wenn auch sicher mit den besten Absichten - beispielsweise Jojo Rabbit tut. Generell haben wir unser Feingefühl im Umgang mit diesem düsteren Kapitel verloren - gerade wenn es um Humor geht. Da wirkt Chaplins Meisterwerk heute glatt wie ein stiller Appell, zurück zum guten Geschmack zu finden. 

In Der große Diktator übernimmt er gleich zwei Rollen: Die des Führers Anton Hynkel und die eines jüdischen Friseurs, der unter dem antisemitischen Regime leidet und nur durch einen Freund aus alten Tagen, der inzwischen Kommandeur der Sturmtruppen ist,  und einer neuen Liebschaft dem KZ immer wieder entrinnen kann. Durch diese Doppelung stellt Chaplin einmal mehr gekonnt die Schwachsinnigkeit der antisemitischen Lehre dar, indem er die Gleichheit der Menschen - auch die von Hynkel und einem Juden - in den Vordergrund rücken lässt und beim Zuschauer den Eindruck erweckt, der "große" Diktator bekämpfe sich mit seinen Befehlen letztlich selbst. Hinzu kommt, dass wir den Friseur als mutigen und aufgeweckten Charakter kennenlernen, während wir Hynkel als selbstverliebte und exzentrische Witzfigur erleben, woraus sich eine Narrative ergibt, die die zynischeFrage aufwirft, warum man sich in einer Welt mit so vielen Optionen letztlich dafür entscheidet, so ein Widerling zu werden.

Generell lässt sich Chaplin keine Möglichkeit entgehen, Hynkel zu diffamieren: Sei es bei seinen Reden, in denen er eine Kauderwelsch-Sprache anstelle von verständlichen Worten setzt, bei seinen bipolaren Stimmungsschwankungen oder nicht zuletzt bei seinem Größenwahn. Letzteren parodiert er unter anderem wunderbar mit einer seiner legendär-ikonischen Szenen: Hynkel tanzt verliebt mit einer Luftballon-Weltkugel, die am Ende zerplatzt. Das perfide Lebenswerk ist gescheitert. Doch nicht nur Hitler begegnet der Film durch die Figur Hynkel scharfzüngig, der gesamte Zeitgeist mitsamt seiner Ideologie bekommt sein Fett weg. So verhunzt der Film die Namen der Nationen (z.B. Tomanien statt Deutschland) und Führungspersonen (z.B. Hynkel statt Hitler, Hering statt Göring), wodurch er das Hochhalten einzelner Nationen und vorherrschenden Personenkult verspottet. Die Bereitschaft, gedankenlos zu folgen, wird durch ein Ritual persifliert, in dem derjenige, der in seinem Essen eine Münze findet, sein Leben opfern muss - wozu letztlich doch keiner bereit sein mag.

Chaplin jongliert gekonnt mit ähnlichen Mechanismen der Parodie wie bereits vier Jahre zuvor in Moderne Zeiten: Verfremdung, Überhöhung, Umkehrung. Dieses Mal erweitert er das Trio um bissige Diffamierungen, die nicht nur den Zeitgeist und die in ihm bestehenden Ideologien ad absurdum führen, sondern auch noch ihre Protagonisten gänzlich der Lächerlichkeit preisgeben. Er begegnet Hitler als das, was er war: eine Witzfigur in grauenhaftem Ausmaße, der er am Ende eine der wichtigsten Filmszenen aller Zeiten, eine Ansprache des jüdischen Friseurs, als Bollwerk der Demokratie entgegensetzt. Sowohl diese Szene, als auch der bereits erwähnte Tanz Hynkels mit der Weltkuge,  wurden mit dem Vorspiel zu Richard Wagners Oper Lohengrin unterlegt: Während das Stück bei Hynkels Ansprache abbricht und der Ballon platzt, kann der jüdische Friseur seine Rede mit der unterstützenden musikalischen Untermalung bis zu ihrem gipfelnden Abschluss bringen.

Fazit

"Der große Diktator" ist ein Bollwerk für die Demokratie, begegnet Hitler mit der Lächerlichkeit, die er verdient, und enttarnt den Nationalsozialismus als intellektuell armselige und inhumane Ideologie. Das gelingt Chaplin auf gewohnt clevere und urkomische Art und Weise. Dieser Film und dessen ikonische Einschlagkraft ist wahrlich zeitlos und heute vielleicht wichtiger denn je. 

Autor: Maximilian Knade
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